Warum mich ‚Das Licht ist hier viel heller‘ von Mareike Fallwickl so aufregt

Ich möchte eines gleich klarstellen: ‚Das Licht ist hier viel heller‘ ist ein guter Roman. Gut durchdacht, noch besser geschrieben. Leseempfehlung: ja. Und doch hätte ich ihn nach dem Lesen am liebsten in eine Ecke gepfeffert. Warum? 

Worum es geht

In Mareike Fallwickls zweitem Roman geht es um Maximilian Wenger, einen Bestseller-Autor, dessen beste Zeit vorüber ist, und um seinen Kampf zurück ins Rampenlicht. Vor allem geht es aber auch um seine Tochter Zoey, um Briefe von einer Unbekannten, um kaputte Familien, Geldgier und alte weiße Männer. Es geht darum, wie man überleben kann als Frau in dieser scheinheiligen Gesellschaft. Wie wir bei aller Emanzipation und bei allem Empowerment immer noch abhängig sind, immer noch Opfer sind, ohne es zu merken. Wir sind Opfer des male gaze, der unsere Existenz an ein männliches Weltbild knüpft – was ja logisch ist, denn wer an der Macht ist, der gibt gleichzeitig auch den Referenzrahmen vor, in dem wir alle uns bewegen. 

Der erste Brief von Marlen in ‚Das Licht ist hier viel heller‘

Worum es wirklich geht – und was wir nicht verstanden haben

Jetzt erkämpfen wir – nicht wir Frauen, sondern wir Nicht-alte-weiße-Männer– uns unseren Platz, wir erobern Raum, damit wir ein neues Weltbild schaffen können. An manchen Orten sind wir weiter als an anderen, je nach Bubble in der wir uns bewegen fühlt es sich sogar so an, als hätten wir es schon geschafft, endlich. Aber eigentlich sind wir doch noch ganz am Anfang, und zwar mehr als wir denken. Dafür hat mir der Wenger die Augen geöffnet, denn nur weil jemand das Richtige sagt, heißt das nicht, dass er es auch richtig meint. Logisch eigentlich. Und doch vergisst man es so leicht. Man denkt sich Wow, super, da hat’s einer verstanden, da setzt sich jetzt einer, dem man zuhört, für uns ein. Und ja, er hat auch verstanden, was er sagen muss, was der richtige Wortlaut ist, um Applaus zu bekommen, aber er hat nicht verstanden, was es bedeutet. Nicht wirklich. 

Er hat gespürt, was Worte auslösen können, was auch er einmal auslösen konnte mit Worten, alles eigentlich, Worte waren sein Stoff, sein Atem, sein Wesen. Er könnte sie herumwirbeln, aufeinanderstapeln, Löcher lassen dort, wo es still sein musste. Und die Worte, die auf die Stille folgten, waren noch viel lauter.

Seite 54

Du kennst doch auch so einen Wenger, oder?

Denn wer immer redet, der vergisst, wie man zuhört. Das Interessanteste am Wenger, der übrigens für jeden alten weißen Mann stehen könnte, den man so in seinem Bekanntenkreis hat, ist ja, dass er es im Grunde nicht böse meint. Und da ist Mareike Fallwickl ein wahrer Kunstgriff gelungen: Man kann sich hineinfühlen in diesen Mann, der sich so respektlos verhält. Denn er liegt ja am Boden, er will ja eigentlich nur geliebt werden, er will ja da sein für seine Kinder, er will ja auch niemanden verletzen – keine der Frauen zumindest. 

Man will das ja nur gut machen, mit den eigenen Kindern, wirklich. Aber dann türmt sich Versagen auf Versagen, sodass man kaum noch was sehen kann. Und irgendwann hat man auch gar keine Lust mehr, sich dauernd zu verteidigen und zu rechtfertigen, für alles, woran man es angeblich hat mangeln lassen.

Seite 371

Den Druck der Gesellschaft spürt auch der Wenger, der lastet auch auf ihm, weil er so aufgewachsen ist, wie er aufgewachsen ist und sich in den Achtzigern, Neunzigern seinen Platz in der Schickeria erobert hat; weil ihn die Gesellschaft in diese Form von Männlichkeit gepresst hat, die jetzt völlig überholt ist. Aber eben erst jetzt, er kennt sich nicht aus, denn eben wurde er noch gefeiert, weil er mutig war, weil er sich getraut hat und sich nie geschert hat um ein Das-darf-man-nicht oderDas-kannst-du-nicht-sagen. Die war cool, diese ignorante Präpotenz, das war männlich, dafür verdiente man sich einen Platz im Rampenlicht, weil es eben in der Masse nur ein Narrativ gab, und das wurde von toxischer Männlichkeit bestimmt.

Was sich ändern kann und wer nicht

Man fühlt also mit dem Wenger mit, der eh alles richtig machen will, aber eben ohne dabei seine Stellung und natürlich auch sein Weltbild aufzugeben. Ändern will er sich nur ein bisschen, gerade so viel, dass er weiterhin bestehen kann in dieser neuen Gesellschaft, dass er weiterhin im Licht stehen und erfolgreich sein darf, aber für ein wirkliches Umdenken ist es zu spät. Dafür sitzen ihm die alten Strukturen zu tief in den langsam immer poröser werdenden Knochen. Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste und der Verfall der Wengers setzt zum Glück schon ein, um Platz zu machen für neue Narrative. 

Woher weiß man im Leben, wann es Zeit ist zu gehen, wann man aufhören kann zu warten, weil nichts mehr kommen wird außer ein ewiges Zurückschauen?

Seite 12

Gerade befinden wir uns nämlich im Umbruch, in einem echten Umbruch. Das merkt man daran, dass es den Wengers dieser Welt jetzt ganz heiß wird, weil sie das spüren, wie sie plötzlich ihren Raum teilen müssen mit allen anderen, weil wir uns unseren Raum zurückerobern. So erobert sich auch Wengers Tochter Zoey Stück für Stück zurück, was ihr gehört, was ihr genommen oder gleich ganz vorenthalten wurde. Der Wenger entwickelt sich nicht mehr weiter, der bleibt der gleiche alte Trottel, der er schon immer war, aber Zoey ist noch jung, die wird gerade erst achtzehn, die lernt gerade noch, wo man überall Grenzen setzen kann, um sich mehr Platz zu erkämpfen. 

So sehr es mich ärgert, dass der Wenger nichts einsieht, gar nichts einsehen kann, so sehr gibt es mir Hoffnung, dass die nächste Generation jetzt erwachsen wird, dass endlich Früchte trägt, was vor langer Zeit gesät und von bestimmten Teilen nachfolgender Generationen weiter hochgezogen wurde, bis es endlich alles andere überwuchert. Und wenn das nur bedeutet, dass die Wengers sich zwar nicht ändern können, aber immerhin verstellen müssen, um Anerkennung und Ruhm zu bekommen, dann ist das halt so – fake it till you become it, lieber Wenger, irgendwann glaubst du dir vielleicht selbst. 

Wo stehen wir in diesem Fluss, der die Zeit ist?

Ob man das in Worte fassen kann, hab ich gefragt

Sprachlich ist dieses Buch wieder so on point, wie man es von Mareike Fallwickl kennt. Sie gibt ihren Figuren ganz eigene Stimmen, legt dabei eine unglaubliche Feinfühligkeit an den Tag und eine Dringlichkeit in die Sprache. Vielleicht auch deswegen hätte ich mehr Zeit gewünscht mit den Figuren, noch mehr Interaktionen untereinander, am liebsten so dicht gewebt wie im Debütroman ‚Dunkelgrün fast schwarz‘. 

Ein paar Themen hätte ich außerdem lieber noch reflektierter gehabt, schärfer kommentiert. Zum Beispiel die ganze Sache mit diesem hoch problematischen Jonathan, in den Zoey so verliebt ist. Da gibt es ein paar Dinge, die passieren, die eigentlich nicht okay sind und die Zoey trotzdem unkommentiert lässt. Dass ihr das im selben Moment nicht auffällt, ist nachvollziehbar. Aber dass ihr gewisse Übergriffigkeiten auch nach ihren Entwicklungssprüngen nicht wie Schuppen von den Augen fallen, passt nicht. 

Schon wieder diese Sache mit dem Ende*

Was wiederum passt, mich aber unheimlich geärgert hat, ist das Ende aus Wengers Sicht. Dieser Entschluss, den er am Ende fasst, in bester Absicht, der hat mich so wütend gemacht, dass ich das Buch am liebsten in eine Ecke gepfeffert hätte. Weil es so outrageous ist, aber die Wengers dieser Welt es nicht verstehen werden. Es ist so subtil eine bodenlose Frechheit, ein Schlag ins Gesicht jeder Leserin. Dieses Ende muss sickern, es dämmert einem erst langsam, was da passiert und dann bleibt man zurück mit einer Ungläubigkeit, die nach und nach zur Erkenntnis wird, dass das leider sehr realistisch ist. 

Während ich mir während des Lesens noch ausgemalt habe, welchen Wengers ich dieses Buch schenken kann, damit sie besser verstehen, was eigentlich das Problem ist, frage ich mich nach diesem Ende, ob das überhaupt Sinn macht. Denn wer davor nicht schon weiß, was das Problem ist, wird es durch dieses Buch vermutlich nicht lernen.

Dass er nicht einmal ahnt, was ich da mit mir trage, und so ist es doch mit allen Menschen. Was sie mit sich tragen, das wissen wir nicht, und deshalb sollten wir sanft zu ihnen sein. 

Seite 360

Es ist gut, eine Einsicht in das Wenger-Wesen zu bekommen, aber es geht nicht ausreichend in die andere Richtung, die Frau mit den Briefen ist zu weit weg, da bleibt zu viel Distanz, um sich wirklich hinein zu fühlen, wenn man nicht selbst schon irgendwie betroffen ist. Und Zoey, deren Sicht nah genug wäre, hat noch nicht genug verstanden, um es den Wengers adäquat beizubringen, da ist noch zu viel unausgesprochen, weil sie es selbst noch nicht in Worte fassen kann. Ich hätte mir genau deswegen gewünscht, dass das Ganze einen anderen Ausgang nimmt, dass der Wenger mit weniger davonkommt, oder zumindest mehr versteht, damit es auch all die anderen Wengers verstehen, die dieses Buch lesen, und sich nicht sogar noch bestärkt fühlen. Aber es stimmt natürlich: Im echten Leben ist es ja auch so wie im Buch, die verstehen das eben nicht. Aus literarischer Sicht – als Mimesis des Lebens, wenn man so will – also gar nicht schlecht gelungen, dieses Ende. 

Wo das Licht viel heller ist

Und überhaupt: Spannungsbogen, Gesellschaftskritik, Charakterentwicklung, alles da, so insgesamt. Was fehlt, ist der Schritt – nein, ein noch größerer Schritt – über die Grenze, das Buch ist zu perfekt. Hier entgleitet wenig, obwohl das Thema geradezu danach schreit. Alles schrammt geradeso aneinander vorbei, es geht dann schon irgendwie auch ohne eine große Szene zu machen, es macht sich eine allgemeine Resignation breit – nur bei Zoey nicht, die wacht gerade erst auf, die hat noch eine Wut in sich, die sie aus den Schatten treibt. Alles hat sie noch nicht begriffen, aber das wird sie. Sie ist auf dem richtigen Weg. Sie ist eine von uns. Es wird Zeit, dass wir unsere Geschichten selbst schreiben. 

Es wird Zeit, dass wir uns ins Rampenlicht stellen, denn das Licht ist hier viel heller. 

Klappentext: ‚Das Licht ist hier viel heller‘ von Mareike Fallwickl

Noch ein Hinweis: Ich setze hier absichtlich keinen Link zum Buch, weil ich möchte, dass ihr das offline in eurer Buchhandlung kauft. Unterstützt eure local bookdealer, denn nur so können wir die Buchhandlungen retten – die braucht auch ihr allerspätestens zum nächsten Anlass, an dem ihr spontan das perfekte Geschenk braucht.

Schreib mir hier in die Kommentare oder auf Instagram (@buecherphie) eure Meinungen zum Buch oder zu diesem Beitrag. Zumindest ich hatte nach dem Lesen Redebedarf und ich bin mir sicher, dass es nicht nur mir so ging. Ich freue mich ehrlich über jede einzelne Nachricht. Bussi!

*Erinnert ihr euch an meinen Blogpost „Das Ende von Mareike Fallwickls Dunkelgrün fast schwarz

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