Gelesen 2018 – 25 schnelle Buchrezensionen von Weltliteratur bis Romance Trash

2018 war ein gutes Jahr. Lesetechnisch, aber auch sonst. Ich mein, hallo? Buchveröffentlichung! Lesungen! Messen! Aber keine Sorge, ich will dich damit nicht langweilen, immerhin bist du hier, um 25 schnelle Buchrezensionen zu bekommen – und vielleicht auch ein bisschen, weil du neugierig auf meine ungeschönte Leseliste bist, die ich hier erbarmungslos ehrlich präsentiere. (Solltest du dich doch für einen allgemeinen Jahresrückblick 2018 plus Ausblick 2019 interessieren, schau mal hier meine Story dazu auf Instagram.)

Los geht’s: Diese 25 Bücher habe ich 2018 gelesen und – Spoiler Alert – nicht alle davon habe ich geliebt. Die folgende Liste ist außerdem kein Ranking nach Beliebtheit, sondern geht mehr oder weniger nach der Reihenfolge, in der ich sie gelesen habe. Wobei ich natürlich auch ein paar parallel gelesen habe und die eine Reihe in einfach zusammenfasse.

1. Madness – Maja Köllinger:

Inhalt in 1 Satz: Eine moderne Teenager-Alice verliebt sich in den heißen (sehr heißen) Hutmacher und muss Wunderland retten.

Madness Rezension Maja Köllinger
Hübsches Drachenmond-Kopainski-Cover für Madness

Ich lese kein Fantasy (mehr). Ausnahmen mache ich nur in zwei Fällen: 1. Beruflich, also z. B. als Lektorin oder wenn ich engagiert werde, um sie zu verkaufen und 2. für friends. Madness fällt unter Zweiteres. Maja Köllinger ist nämlich eine liebe Schreiberling-Kollegin, die ich 2017 auf der Buch Berlin kennengelernt habe. Ihre herzliche Art hat mich sofort begeistert, ihr Buch leider nicht. Allerdings ist das wirklich nicht ihre Schuld als Autorin, das Buch ist einfach unglaublich schlecht lektoriert. Die Story ist ganz süß, die Charaktere eigentlich cool, ich sehe hier viel Potential für eine gelungene Jugend-Romantasy Adaption von Alice im Wunderland. Ein ordentliches Lektorat hätte daraus bestimmt ein Juwel machen können. Schade. Von mir gibt es dafür leider keine klare Empfehlung, aber ich werde ihren neuen Büchern auf jeden Fall sehr gerne noch eine Chance geben.

Drachenmond Verlag, 312 Seiten

 

2. I Love Dick – Chris Kraus:

Inhalt in 1 Satz: Eine intelligente, begabte Frau steckt all ihren Frust über eine unerwiderte Schwärmerei in hunderte Briefe an den Angebeteten, die sie nicht (bzw. erst viel später) abschickt.

I Love Dick Rezension Chris Kraus
So ironic.

Briefe sind etwas sehr Persönliches, oft chaotisch, emotional und übertrieben. So auch Chris Kraus‘ halb-fiktionale Briefe an Dick, einen Kollegen ihres Mannes, in den sie sich verschaut hat. Aus einer mehr oder weniger unerwiderten Schwärmerei (infatuation, dazu gibt’s auch ein hübsches Gedicht von sisterkind) wird eine regelrechte Obsession, die über alle Vernunft hinausgeht. Dabei entsteht ein Porträt der Autorin als Künstlerin, das unzählige Referenzen einflicht, von denen eine normal gebildete Leserin Mitte 20 noch nicht allzu viel gehört hat. Ein feministisches Meisterwerk ist es auch, sagt der Klappentext, aber nur für die akademisch sehr gebildete Mittelklasse, sage ich. Und nicht einmal dann. Eine Frau, die sich so von Männern bestimmen lässt, hat zwar durchaus ihre Berechtigung und kann auch sehr wichtige Fragen aufwerfen – z. B. jene nach dem Verhältnis von Abhängigkeit und Liebe –, als eine Über-Feministin wird sie von mir dafür trotzdem nicht gefeiert werden. Verhaltene Leseempfehlung für künstlerisch sehr gebildete Menschen und Hardcore feminists, die ihre feministische Leseliste bereits abgearbeitet haben.

How ‚I Love Dick‘ showed me the worst part of being in love

Profile Books, 261 Seiten

 

3. Spinner – Benedict Wells:

Inhalt in 1 Satz: Ein junger Spinner kämpft auf Berlins hartem Pflaster – um seinen Traum, um seine Freunde und um sich selbst.

Spinner Rezension Benedict Wells
Wie immer: Diogenes Cover auch für ‚Spinner‘ on point.

Bisher ist das mein erster Benedict Wells. Was habe ich ihn geliebt! Regelrecht verschlungen habe ich ihn, bis zur vorletzten Seite. Dann kam dieses Ende und ich hätte das Buch am liebsten in die Ecke gepfeffert, so sehr habe ich mich darüber geärgert.

— ACHTUNG SPOILER —

Dau auf den letzten Zeilen nimmt Wells diesen wundervollen Spinner und presst ihn in eine Normvorstellung, in die Erfüllung irgendwelcher Ansprüche, in eine Zugabteil, das ihn wegführt aus dem Spinnertum in eine stabile Zukunft. Ja, sicher. Wenn du psychisch so am Ende bist, musst du etwas in deinem Leben ändern. Aber nicht so. Schon gar nicht in diesem unehrlichen Tonfall der letzten zwei Seiten. Sei ehrlich, Benedict, das passt doch nicht zu deinem Jesper, auch wenn du es dir noch so sehr für ihn wünschen magst.

— SPOILER ENDE —

Natürlich habe ich es nicht in die Ecke gepfeffert. Ich habe seufzend den Kopf geschüttelt und es behutsam ins Regal gestellt. Ich mag ihn trotzdem, den Spinner. Er ist wie ein Exfreund, den man leidenschaftlich liebte, bis man sich auseinander gelebt hat. Man respektiert ihn und trauert in sentimentalen Momenten dem hinterher, was man hatte und was hätte sein können. Meine Leseempfehlung: Genießen bis zur vorletzten Seite, dann lieber weglegen.

Diogenes, 320 Seiten

 

4. Anna nicht vergessen – Arno Geiger:

Inhalt in 1 Satz (Achtung, voll meta jetzt): Ein Verlag fragt sich, was man denn noch so veröffentlichen könnte von einem Autor, der sich eher gut verkauft.

Anna nicht vergessen Rezension Arno Geiger
Mir gefällt, dass Anna aussieht wie Amélie

Wir müssen aufhören, Bestseller-Autoren mit unnötigen Kurzgeschichten-Sammlungen auszuschlachten. In diesem Blogpost hier erzähle ich dir alles über dieses Buch, was du wissen musst. Und nein, es ist keine besondere Leseempfehlung. Von Arno Geiger lieber „Alles über Sally“ lesen, das ist nämlich eines meiner Lieblingsbücher. Eines von den unaufgeregten, leisen.

dtv Verlagsgesellschaft, 256 Seiten

 

5. Dunkelgrün fast schwarz – Mareike Fallwickl:

Inhalt in 1 Satz: Manchmal rettet dich eine Freundschaft, manchmal zerstört sie dich und Schweigen ist nicht Gold.

Dunkelgrün fast schwarz Rezension Mareike Fallwickl
Wenn das nicht genau den Instagram-Geschmack trifft, weiß ich auch nicht.

Wenn du dieses Buch aufschlägst, entfesselst du einen grün-schwarzen Sog aus erbarmungslos ehrlichen Worten, der dich erst loslässt, sobald du das Buch wieder zuschlägst – und mit ein bisschen Pech (oder Glück, wie man’s nimmt) nicht mal dann. Das einzige, was mich an „Dunkelgrün fast schwarz“ wirklich stört, sind die (meist deutschen) Kritiker, die Mareikes Tonfall, ihre Stimme nicht richtig hören. Einen ausführlichen Text zu diesem hervorragenden Fast-Debüt findest du in diesem Blogpost hier. Nicht nur eine ganz klare Leseempfehlung, auch eines meiner Jahreshighlights 2018.

Frankfurter Verlagsanstalt, 480 Seiten.

 

6. Carim Drachentöter – Lena Knodt:

Inhalt in 1 Satz: Ein sympathisch brutaler Drachentöter auf der Suche nach Macht trägt das Herz in der Nähe des rechten Flecks.

Carim Drachentöter Rezension Lena Knodt
Badass Cover von der gleichen Designerin des Heart Beat Covers

Du weißt ja, auch für Verlagsschwestern mache ich bei meiner No-Fantasy-Rule mal eine Ausnahme. Und diese hier macht ihrem Anti-Helden ganz schön Feuer unterm Hintern (pun not intended). Sprachlich wie inhaltlich macht Lena kurzen Prozess – im positiven Sinne. Kein Herumgeheule, keine unnötigen Sexszenen und kaum Klischees. Dafür gibt es viele realistische Kampfszenen (die Frau betreibt selbst historischen Schwertkampf, wie badass ist das bitte), Blut und einen Prota, dessen moralischer Kompass erfrischend unzuverlässig ist. Inklusive Fünf-Sterne-Plottwist am Ende. Leseempfehlung für alle, die sich eine kurze aber schmerzerfüllte Fantasy-Dröhnung geben wollen.

Eisermann Verlag, 300 Seiten

 

7. Gegen den Strich – Joris-Karl Huysmans:

Inhalt in 1 Satz: Ein gelangweilter, kränklicher Adeliger sucht Zerstreuung durch Inneneinrichtung.

Gegen den Strich Rezension Joris-Karl Huysmans
„Der Einband ist eklig, sorry, aber das Buch ist gut“, hat er gesagt.

Zu Besuch in Wien gewesen, lange noch im Dunkeln geredet, Freundschaft geschlossen – am nächsten Morgen dieses Buch geschenkt bekommen. Ein Stück Dekadenzliteratur, das einst Oscar Wilde zu seinem Dorian Gray inspirierte. Etwa ein halbes Jahr später werde ich neben diesem Freund sitzen und mir von einer seiner Verehrerinnen erklären lassen, dass er doch bitte aussehe wie Dorian Gray und fortan nur mehr so genannt werden solle. Das Buch, also „Gegen den Strich“, oder, weil der französische Titel so viel schöner klingt, „À rebours“, habe ich damals übrigens sofort verschlungen, nachdem ich es bekommen hatte. Dabei ist es gar nicht so spannend. Eigentlich passiert: nichts. Und doch ist der sprachliche Sog so gewaltig, dass du es nur widerwillig wieder weglegst. Leseempfehlung für Oscar Wilde Fans und Literaturgeschichte-Freaks.

Anaconda Verlag, 288 Seiten

 

8.-11. Die Wandler 1 bis 4 – Lena Klassen:

Die Wandler Rezension Lena Klassen
Ein paar sehr typische Romantasy Cover

Schon wieder eine Eisermann Verlagsschwester, deswegen Fantasy bzw. sogar Romantasy. Klingt sehr nach Guilty Pleasure, aber ich muss zugeben: Teilweise sind die Romane sehr gut im Aufarbeiten moralischer Dilemmata, ansonsten aber wirklich eher was für klassische Fantasy Fans mit Hang zu übertrieben romantischen Lovestorys. Außer Band 3 („Der Fluch des Wandlers“), der war wirklich gut. Umfassendere Rezensionen dazu gibts in meinen Gastbeiträgen beim Buchensemble:

Band 1: Realistische Spionage Romantasy

Band 2: Teenager werden Clanführer

Band 3: Wie Dexter mit magischen Kräften

Alle Eisermann Verlag

 

12. Was Ida sagt – Odile Kennel:

Inhalt in 1 Satz: Eine junge Frau kommt heim, wo sie die gut gehüteten Geheimnisse ihrer nur oberflächlich zusammengeflickten Familie ausgräbt.

Was Ida sagt Rezension Odile Kennel
Eines der älteren dtv-Cover, aber hübsch.

Dieses Buch habe ich vor gut zwei Jahren ausgeliehen bekommen. Also eigentlich hat es mir eine sehr gute Freundin in die Hand gedrückt, mit den Worten: „Hier, lies das bitte.“ Im Mai diesen Jahres habe ich mir endlich die Zeit für diese nicht ganz so kurze Geschichte genommen und meine Freundin selbst darin wiederentdeckt. Die abrasierten Haare, das Davonlaufen, das Heimkommen, Berlin, Frankreich und komplizierte Familiengeschichten. Ich habe es gerne gelesen, aber weniger als ich selbst und mehr als meine Freundin, die in meinen Gedanken immer dabei war. Dieser eine Satz über das Verlassen der Heimat hat aber auch bei mir einen wunden Punkt getroffen – leider finde ich ihn nicht mehr. Aber zum Glück ist diese Geschichte voller schöner Sätze. Ganz klare Leseempfehlung für alle, die schon mal ihre Heimat verließen.

dtv Verlagsgesellschaft, 320 Seiten

 

13. Je voudrais que quelqu’un m’attende quelque part – Anna Gavalda:

Inhalt in 1 Satz: Irgendwie geht’s immer um die Liebe, oder so ähnlich.

Anna Gavalda Kurzgeschichten Rezension
Ich geb’s zu: Das war ein Cover-Kauf zu einer Zeit, wo ‚Zusammen ist man weniger allein‘ gerade in war.

Liest du wiedermal etwas auf Französisch, hast du dir gedacht, nachdem du in einem schwachen Moment des Damenspitzes mit einem Pariser geschmust* hast. Also nicht du, sondern ich. Auf jeden Fall hat sich herausgestellt, dass das eine blöde Idee war. Beides. Weil kurze Geschichten eben die Königinnendisziplin sind (lang lebe die Queen Alice Munro) und wir bitte wirklich aufhören müssen, Bestseller-Schreiberlingen Kurzgeschichtenbände aus dem Kreuz zu leiern, um schnell ein bisschen Geld damit zu verdienen. Die ersten Geschichten haben mir eh sehr gefallen, danach hat es mich nur noch genervt. Vielleicht ist aber auch einfach mein Französisch zu schlecht. Kannst du dir sparen.

J’ai lu, 157 Seiten

 

14. Im Enddefekt – Josephine Frey (Sophia Fritz):

Inhalt in 1 Satz: Eine junge Autorin schneidet dir mit ihren Worten tief ins Fleisch und lässt dich bluten, während du aus einer andächtigen Schockstarre erwachst.

Im Enddefekt Rezension Josephine Frey Sophia Fritz
Drinnen gibt’s noch mehr von diesen zarten Illustrationen

In diesem Blogpost hier liest du alles, was du über diese sehr gelungenen Kurzgeschichten wissen musst. Eindeutige Leseempfehlung für sensible Gemüter mit einer Vorliebe für emotionale Sprachbilder. Im positivsten Sinne.

Unsichtbar Verlag, 122 Seiten

 

15. Just Kids – Patti Smith:

Inhalt in 1 Satz: Eine von Rolling Stone’s 100 Greatest Artists erzählt von Liebe, Kunst, Erfolg, Misserfolg und New York City.

Just Kids Rezension Patti Smith
Eines meiner liebsten Buchcover of all time.

Diese Buch war (ist!) eine reine Inspiration. Ich habe mir so viele Passagen rausgeschrieben und angestrichen und immer und immer wieder gelesen, wie in keinem anderen Buch. Dementsprechend lange habe ich auch gebraucht, um es ganz zu lesen. Seitdem habe ich es oft noch einmal in die Hand genommen, zwischen den Zeilen nach Antworten auf desperate Fragen gesucht – und diese zwar nicht immer welche gefunden, aber zumindest die Gewissheit, dass alles so wird, wie es sein soll. Dass alles, was aus dem Gleichgewicht ist, irgendwann wieder einrastet. Darüber hinaus hat es auch eine konstante Motivation hinterlassen, eine bessere Künstlerin und Frau zu werden: ehrlicher, mutiger, verbundener. Absolutes Highlight 2018 und große Leseempfehlung – nicht unbedingt als unterhaltsame Lektüre, mehr so als künstlerischer Wegweiser für dein Leben.

Hier noch zwei Blogposts von mir dazu:

5 Things Every Artist Should Learn From Patti Smith

Embracing Impossible Love Stories – Why you should love like Patti and Robert in Just Kids

Bloomsbury, 288 Seiten

 

16. Literales Bewusstsein – Jens Brockmeier:

Inhalt in 1 Satz: Ein mittlerweile älterer weißer Mann erzählt etwas über das Verhältnis von Sprache und Kultur unter dem Aspekt der Schriftlichkeit.

Dieses Buch stand ganz oben auf der Leseliste für meine Masterprüfung, es ist ein Lieblingsbuch meiner Professorin. Zugegeben, es war nicht uninteressant, ich habe viel gelernt, aber es ist halt auch nicht mehr ganz up-to-date (1997) und obendrein könnte es ein neues Korrektorat vertragen – oder überhaupt irgendeines, denn bei den vielen Tippfehlern und teilweise grammatisch, teilweise semantisch falschen bzw. unvollständigen Sätzen könnte man meinen, das hätte nie eine Korrektur gesehen. Außerdem bin ich mit der einen oder anderen Sichtweise nicht einverstanden und kann mir auch nicht vorstellen, dass man das heute noch so schreiben könnte/sollte/würde. In diesem Sinne: Leseempfehlung nur für Leute vom Fach, die sich in der Materie auskennen und dazu in der Lage sind, das Ganze kritisch zu hinterfragen und zu bewerten. Dann kann es durchaus einen Mehrwert bieten.

Wilhelm Fink Verlag, 343 Seiten

 

17. Reise im Mondlicht – Antal Szerb:

Inhalt in 1 Satz: Ein verwöhnter ungarischer Mittdreißiger gerät auf seiner Hochzeitsreise in einen Selbstfindungstrip, wie er nur 1935 im südlicheren Europa möglich ist.

Reise im Mondlicht Rezension Antal Szerb
Hopper geht immer. Auch, wenn’s nicht so 100% zur Story passt.

Wie liest du das Lieblingsbuch eines Menschen, den du liebst ohne verliebt zu sein? Du suchst in jedem Satz nach dem Innersten dieses Menschen und du willst es mögen. So ganz ist mir das nicht gelungen. Insgesamt ist es eine stilistisch sehr gut geschriebene Geschichte, die mich oft geärgert, aber noch viel öfter entzückt hat. Ich habe irgendwo einen halben Blogpost darüber herumliegen, den ich noch zu Ende schreiben will. Bis dahin spreche ich keine unbedingte Leseempfehlung aus, mehr so eine optionale.

dtv, 272 Seiten

 

18. Die Reinheit des Mörder – Amélie Nothomb:

Inhalt in 1 Satz: Ein genialer Schriftsteller gibt kurz vor seinem Tod mehrere Journalisteninterviews, die sich zu gefährlichen Machtspielen entwickeln.

Die Reinheit des Mörders Rezension Amélie Nothomb
Ist das eigentlich noch instagrammable? #freethenipple

Was für ein Debüt! Amélie Nothomb habe ich als Teenager entdeckt und seither heiß geliebt. „Die Reinheit des Mörders“ ist dabei noch eine Ecke schärfer als die anderen Bücher, die ich von ihr kenne. Schärfer im Tonfall, ungestümer und gleichzeitig durchdachter. Ein kleines Paradoxon, ein großer Mindfuck. Locker, aber keine leichte Kost. Simpel, nicht einfach. Erfrischend, nicht erfreulich. Konstruiert, nicht gekünstelt. Veröffentlicht 1992, aber aktueller als so manche Neuerscheinung, die sich ähnliche Fragen stellt. Fragen über das Schreiben als Beruf, über Machtgefälle und Mechanismen der Demütigung. Große Leseempfehlung für alle, die es gerne unbequem mögen und einen kleinen Schritt aus ihrer Comfort Zone hinausgehen wollen.

Diogenes, 224 Seiten

 

19. Das Millenial Manifest – Bianca Jankovska:

Inhalt in 1 Satz: Eine Endzwanzigerin schreibt selbstironisch darüber, was bei unserer Generation so alles falsch läuft und wie wir das bitte die nächsten 50 Jahre aushalten sollen.

Das Millenial Manifest Rezension Bianca Jankovska
Millenial pink. What else?

[Rezensionsexemplar] Noch so ein absolutes Highlight 2018. Warum ich dieses Buch SO HART feiere und es seit Erscheinen im Herbst schon dreimal verschenkt habe, liest du am besten hier in diesem Blogpost.

Rowohlt, 240 Seiten

 

20. Sputnik Sweetheart – Haruki Murakami:

Inhalt in 1 Satz: K. liebt seine Kumpeline Sumire, Sumire liebt eine ältere Frau, jemand verschwindet und Geheimnisse treten ans Dämmerlicht.

Sputnik Sweetheart Rezension Haruki Murakami
So schön trippy, aber warum der Lolly?

Ich weiß nicht, was ich sagen soll – wie immer bei Murakami bleibe ich auch diese Mal mit einer bloßen Ahnung zurück, die sich nicht in Worte fassen lässt. Murakami kann ich nicht erklären. Murakami muss man selber lesen und vor allem selber spüren. Sage ich jetzt und meine eigentlich nur, dass ich schlicht und einfach nicht fähig bin, einen klaren Gedanken zum Inhalt zu formulieren. Ich kann und will es nicht interpretieren, es ist was es ist. Oder wie Murakami sagt: „‚Viel wichtiger als die großen Systeme, die in den Köpfen anderer Leute erdacht wurden, sind die kleinen Dinge, auf die man selber kommt’, flüsterte ich mir zu.“ (183) Leseempfehlung für romantics, die kein Problem damit haben, nicht jeden Aspekt einer Geschichte 100% zu verstehen.

Dumont, 240 Seiten

 

21. Auster und Klinge – Lilian Loke:

Inhalt in 1 Satz: Ein frustrierter, reicher Künstler will die Welt auf Ausbeutungsmechanismen aufmerksam machen und besticht einen ehemaligen Einbrecher, um ihm dabei zu helfen.

Auster und Klinge Rezension Lilian Loke
Wie wundervoll kann ein Cover sein?

[Rezensionsexemplar] Warum ich danach gegriffen habe? Weil das Cover so toll ist. Warum ich es behalten habe? Weil die Story so interessant geklungen hat: Ein ehemaliger Einbrecher auf Bewährung bringt einem reichen Künstler bei, wie man Schlösser knackt. Weil der Geld braucht, um sein Restaurant zu eröffnen. Soweit so gut. Die Story ist ganz spannend, die Figuren realistisch und greifbar, selbst eine moralische Message gibt es. Zwischendrin fand ich sogar echte sprachliche Schätze wie diesen: „Kunst ist nicht da, um den Alltag zu dekorieren, Kunst muss ein Messer sein, das du reichst, mit der Klinge voran, die Leute greifen zu, weil es so magisch funkelt, obwohl es ihnen tief ins Fleisch schneidet. Diejenigen, die nicht loslassen und dich verfluchen, haben etwas verstanden.“ Du kannst dir also vorstellen, dass ich es gerne gelesen habe. Trotzdem fehlt etwas, um es zu einem Lieblingsbuch zu machen. Und wo kommt überhaupt die Auster im Titel her?! Leseempfehlung, wenn man mal ein bisschen mehr über den Alltag von Ex-Einbrechern und Aktionskunst-Aktivisten erfahren will.

C. H. Beck, 313 Seiten

 

22. Trieb – Jochen Rausch:

Inhalt in 1 Satz: Ein Journalist schreibt 13 Storys über menschliche Abgründe, über sowas wie Liebe, über das Töten und ein bisschen über das Leben.

Trieb Rezension Jochen Rausch
Grell und auf den Punkt gebracht – wie die Storys auch.

Seit Jahren stand dieses Büchlein in meinem Regal, unberührt. Meine Lieblingsbuchhändlerin hatte es meinem Papa empfohlen und ich hab’s mitgenommen, weil mir das Cover so gut gefiel. Und der Titel. Warum ich ausgerechnet jetzt entschieden habe, es zu lesen kann ich nicht sagen. Was ich jetzt sagen soll, wo ich damit fertig bin, auch nicht. Auf jeden Fall eine Leseempfehlung, wenn du Kurzgeschichten magst. Übrigens etwas sehr Schönes an dem Ganzen: Einige Storys sind wie Reportagen geschrieben. Jochen Rausch ist nämlich auch Journalist, nur eben einer, der weiß, wohin man die guten, erfundenen Storys steckt: In einen Kurzgeschichtenband zum Beispiel. Nicht in den Spiegel, auf jeden Fall.

Berlin Verlag, 206 Seiten

 

23. Venus im Pelz – Leopold von Sacher-Masoch:

Inhalt in 1 Satz: Ein junger Mann lässt sich von seiner Angebeteten auf eigenen Wunsch als Sklave halten.

Vor Jahren einmal für die Uni überflogen (Literarische Traditionen 3 bei Müller-Kampel, anyone? Beste Frau.), dann keine Beachtung mehr geschenkt, 2018 noch einmal in die Hand genommen und bewusst gelesen. Warum? „Venus im Pelz“ ist eine Novelle aus dem 19. Jahrhundert, auf welche der Begriff des Masochismus zurückgeht. Außerdem – und deswegen wollte ich es noch einmal sehr aufmerksam lesen – wurde der Song „Venus In Furs“ von The Velvet Underground ebenfalls davon inspiriert, welcher wiederum einer Kurzgeschichte von M. D. Grand und mir eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Ganz klare Leseempfehlung für dich, wenn du Literaturgeschichte interessant findest, das Leben wie die Liebe nicht allzu ernst nimmst und überhaupt etwas Humor besitzt.

E-Book

 

24. Briefe aus dem Sturm – Hrsg. von Magret Kindermann und Wiebke Tillenburg:

Inhalt in 1 Satz: In sechzehn Kurzgeschichten spielen Briefe die Hauptrolle in unterschiedlichsten Settings vom Bergdorf über Tokyos Straßen bis in den Weltraum.

Briefe aus dem Sturm Rezension Nikas Erben
Das Bild auf der „Briefmarke“ ist übrigens das Cover der vorhergehenden Anthologie aus der #NikasErben Reihe

Ich gebe zu, ich war skeptisch. Weil – ich kann’s nicht oft genug sagen: Ich liebe Kurzgeschichten, aber sie sind die schwierigste Disziplin, sie verzeihen keine Fehler, sie müssen direkt ins Schwarze treffen. Die Qualität der „Briefe“ ist dementsprechend überraschend hoch, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass hier einige Neulinge mitwirkten, die vorher noch nie etwas veröffentlich haben. Und trotzdem ist (fast) jeder Brief ein Treffer. Dabei sind das natürlich nicht 16 abgedruckte Briefe, sondern Geschichten, in denen es um Briefe geht, mal mehr, mal weniger. Es sind spannende, traurige, nachdenkliche, manchmal sehr leise und dann wieder umso lautere Geschichten. So unterschiedlich eben wie die Menschen, die sie geschrieben haben. Eine ganz klare Leseempfehlung und noch dazu ein wundervoller Geschenketipp. Übrigens wird die nächste Anthologie aus dieser Reihe schon diesen Frühling erscheinen und ich bin sehr stolz darauf, gleich mit zwei Kurzgeschichten dabei sein zu dürfen.

TWENTYSIX, 214 Seiten

 

25. Emanzipation. 100 Seiten – Katrin Rönicke:

Neulich bei Groschis Freelancer Weihnachtsfeier:

„Warte, wie heißt du mit Nachnamen?“

„Rönicke, wieso?“

„Ich glaub’s nicht! Ich hab dein Buch in der Tasche, schau.“ *knallt Emanzipation auf den Tisch* Was soll ich sagen, ich bin halt sehr subtil als Fangirl.

Emanzipation Rezension Katrin Rönicke
Break those chains.

Diese 100 Seiten sind locker geschrieben, voll gepackt mit relevanten Informationen zum Thema Emanzipation (nicht nur Feminismus, it’s not the same thing, people!) und viel mehr brauche ich dazu eigentlich gar nicht zu sagen. Perfekte U-Bahn-Lektüre übrigens, weil: passt in jede Manteltasche und falls du der Liebe auf den ersten Blick begegnest, habt ihr gleich einen Gesprächsaufhänger. Absolute Leseempfehlung für alle.

Reclam, 100 Seiten (duh)

 

Stapel gelesener Bücher
Mehr als 7.000 gelesen Seiten: Man stelle sich noch die fehlenden Bücher für’s Foto dazu vor.

Bonus Track: Heart Beat. Frühling, Flirts & Freundschaftskrisen – M. D. Grand & S. M. Gruber

Was man schreibt, muss man schließlich auch noch einmal lesen. Und noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal. Dementsprechend müsste Heart Beat bei mir eigentlich gleich mehrmals auf der Gelesenliste stehen. Lassen wir jetzt aber mal. Du weißt ja Bescheid. Kauf es. Teile es. Sag uns, wie es dir gefallen hat. Wir lieben dich dafür.

 

 

Was waren deine Lese-Highlights 2018? Liest du viel oder wenig? Schreibst du selbst und wenn ja, hilft dir das Lesen beim Schreiben? Hast du überhaupt Zeit dafür? Ich bin neugierig. Erzähl mir alles. Hier in den Kommentaren oder wie immer auf Instagram. Bussi <3 

 

*das ist Österreichisch für „knutschen“

2 Gedanken zu „Gelesen 2018 – 25 schnelle Buchrezensionen von Weltliteratur bis Romance Trash&8220;

  1. Euer Buch habe ich schon rezensiert. Nochmal in Steno : selten gut. 🙂 Es gibt so Highlights in der Jugendliteratur, auch wenn man selbst schon sehr lange aus dem Alter raus ist. Celine Ziegler hat mit „Violet Socks“ einen genial eigenwillig berührenden Roman hingelegt. Sina Müller mit Josh & Emma. Bettina Belitz hat mich umgehauen mit ihrer Urban Fantasy „Splitterherz“. Kera Jung gelingt das Kunststück unglaublich fesselnd über Beziehungen zu schreiben, in denen Menschen mit psychischen Auffälligkeiten und Störungen im Fokus sind. „Impossible Love“ habe ich regelrecht eingeatmet. An Fantasy hat mich Naomi Novik mit „Das dunkle Herz des Waldes“ sehr gut unterhalten. Aber nichts kommt an Tad Williams und Neil Gaiman ran! Klassiker mit Inhalt und Stil: Daphne du Maurier, Ruth Rendell, Stefan Zweig, Jakob Wassermann, Umberto Ecco, Elias Canetti, Feuchtwanger, Dante…… und nein, Goethe ist mir schon immer auf den Zeiger gegangen…. Ja, doch, ich lese viel. Eigentlich ständig.

    1. Ah, wie mich das freut! <3 Danke dir für diese ausführliche Antwort und dass du dir Gedanken machst. Ich seh schon, da sind auch viele gute Tipps dabei, die ich mir bald zu Gemüte führen muss! 🙂

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