Selbstkritik: Wo wir bei Heart Beat Sensitivity Reading gebraucht hätten

Es wird Zeit für ein wenig Selbstkritik. Die letzten Tage wurde auf Instagram verstärkt über sensitivity reading diskutiert und auch auf Twitter lese ich schon länger immer wieder etwas darüber.

Dabei geht es darum, dass man beim Schreiben über gesellschaftliche Themen, von denen man nicht selbst betroffen ist, noch einmal jemanden testlesen lassen sollte, der eben schon davon betroffen ist. Diese Person kann einem dann sagen, ob man mit seinen guten Absichten die Betroffenen versehentlich beleidigen könnte, oder ob das so in Ordnung geht.

Dabei sind mir ein paar Dinge eingefallen, die ich bei Heart Beat heute anders geschrieben hätte. Weil die einfach nicht okay sind. Und das weiß ich – auch ohne dass uns jemand darauf hingewiesen hätte. Hier zwei Beispiele:

Prolog:

Fat shaming. Wir wollten eine lustige Szene schreiben, in der Sam und James von einem klischee-amerikanischen Wachmann gejagt werden, der eben sehr dick ist. Die Art und Weise wie sie sich darüber lustig machen, ist nicht Ordnung. Punkt.

Tom Fletcher:

Tom ist schwarz. Nicht alle unsere Charaktere haben eine ethnische Beschreibung bekommen, aber Tom eben schon – weil uns wichtig war, dass deutsche Leser sich nicht automatisch alle weiß vorstellen.

Ed, als ein unterhalb der Armutsgrenze lebendes Kind polnischer Einwanderer selbst Minderheit und Toms bester Freund, macht den einen oder anderen Scherz über Toms Hautfarbe. Er selbst meint es als ironische Kritik am Alltagsrassismus, aber das kommt nie so explizit heraus. Dementsprechend: Nicht okay.

Und was noch?

Viel mehr fällt mir gerade nicht ein. Das allein scheint mir schon ein Anzeichen dafür, dass wir einen sensitivity reader gebraucht hätte. Denn bestimmt haben wir noch mehr falsch gemacht oder zumindest nicht gut genug.

Klar, die Charaktere aus deren Perspektive das Buch geschrieben ist, sind zwei gerade mal volljährige weiße, hetero cis Männer – oder besser gesagt Jungs. Dafür sind sie eh schon recht woke und zumindest was Themen wie Gleichberechtigung und Anti-Diskriminierung betrifft keine kompletten Volltrottel. Und doch verfolgen wir mit dem ganzen Projekt eine bestimmte Art von Aufklärung. Wir wollen auf sehr unterhaltsame Art und Weise zeigen, dass es eben nicht so abläuft wie in den ganz großen Teenie-Romanzen, sondern dass das Leben kompliziert ist und unordentlich und dass es wichtig ist, andere und sich selbst mit Respekt zu behandeln. Egal welches Geschlecht, welche sexuelle Orientierung, Herkunft oder Privilegien man hat. (Mehr zur Idee hinter Heart Beat liest du hier.)

Heart Beat sensitivity reading
„Breakt the Stereotype“ sagen unsere Shirts und das ist auch unser Motto für Heart Beat!

Wie wir uns verbessern wollen

Beim zweiten Teil werden wir noch besser darauf achten. Weis uns gerne darauf hin, wenn dir etwas auffällt. Bestimmte Unstimmigkeiten fallen dir vielleicht gar nicht auf, weil bestimmte Charaktereigenschaften kaum thematisiert werden und auch nicht wesentlich zur Geschichte beitragen. Trotzdem war es uns wichtig, dass eben nicht alle weiß, hetero und privilegiert sind. Als weiße (mehr oder weniger) hetero cis Frauen haben wir die eine oder andere Eigenschaft möglicherweise falsch dargestellt oder waren nicht sensibel genug, was bestimmte Themen angeht. Das war auf gar keinen Fall beabsichtigt und wir bitten dich, uns darauf hinzuweisen, falls du dich durch irgendetwas, das wir geschrieben haben, angegriffen fühlst. Noch ist die Arbeit an Band 2 nicht abgeschlossen – hier können wir also noch einige Fehler korrigieren, die uns möglicherweise in Band 1 passiert sind

Denn du weißt hoffentlich: Wir schreiben für alle. Und wenn wir alle sagen, meinen wir auch alle. Alle alle alle.

Seid gut zueinander. <3

3 Gedanken zu „Selbstkritik: Wo wir bei Heart Beat Sensitivity Reading gebraucht hätten&8220;

  1. Wie will man ein authentisches, am Leben sehr nahes Buch schreiben, und gleichzeitig sensitive reading einbauen? Das funktioniert nicht. Ich finde das nicht verkehrt, dass die Figuren eben nicht politisch korrekt sind! Wie ihr schon gesagt habt, die Figuren eures Buches sind noch ziemlich jung. Davon abgesehen, passiert das nicht jedem von uns, dass er mehr oder weniger unbeabsichtigt von anderen durch eine unreflektierte Äußerung verletzt wird? Unschön! Aber sehr menschlich und deshalb echt! Viel schlauer wäre es, in diesem Fall Tom reagieren zu lassen, oder irgendeine andere Figur, die Ed in so einer Situation beisteht. So einen solchen Konflikt, der sich mit Herabsetzung beschäftigt entstehen zu lassen, und aus der Situation heraus wieder aufzulösen, hat mehr Gewicht, als mit dem politisch korrekten, erhobenen Zeigefinger, oder wie auf einem Minenfeld herumzulaufen.

    1. Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ich bin ganz deiner Meinung! Genau so hätten wir es machen sollen: Tom oder ein anderer Charakter hätte darauf reagieren müssen, wir hätten es einfach nicht so kommentarlos stehen lassen sollen. Eben genau dafür wäre ein sensitivity reader gut gewesen, denke ich.

  2. Ein schwieriges Thema. Einerseits möchte man als Autor nicht unbedingt jemanden beleidigen, andererseits kann sogenanntes „sensitive reading“ meines Erachtens schnell dazu ausarten, lediglich die Wunschklischees bestimmter Gruppierungen wiederzukauen.

    Was ich damit meine, konnte man u.a. Anfang des Jahres am Beispiel der Migrantin Amelie Wen Zhao beobachten. In ihrem Roman kamen Sklaven vor, die allerdings nicht dem Wunschklischee der US-amerikanischen Kritiker entsprachen. Die Kritiker hatten das noch unveröffentlichte Buch nie gelesen, propagierten jedoch, dass Zhaos Buch rassistisch sei, da die Sklaven in ihrer Fantasy-Geschichte nicht als schwarz und US-amerikanisch dargestellt wurden. Dass es auch in Asien Sklaven gibt, und dass diese Sklaven asiatisch sind und von asiatischen Sklavenhaltern gequält werden, kam denen nicht in den Sinn.

    Letztlich stammen sogenannte „sensitive reader“ meistens aus einer bestimmten Ecke, haben also eine bestimmte Vorstellung davon, wie „der“ Schwarze oder „der“ Behinderte zu sein und was er im Alltag zu erleben habe, um ein „authentischer“ Schwarzer oder Behinderter zu sein.

    Sie sind, um es positiv auszudrücken, bestenfalls Lektoren, die ein Buch auf eine bestimmte Zielgruppe zuschneiden. Dabei sollte man sich als Autor überlegen, ob man diese Zielgruppe überhaupt ansprechen möchte und ob diese Zielgruppe überhaupt Interesse an der Geschichte hätte.

    Zu guter letzt, wenn man zu viel Angst vor dem Anecken hat, könnte man als Autor bedenken: Nur weil man eine homosexuelle oder schwarze Figur im Roman beschreibt, ist man damit längst nicht das Sprachrohr aller Homosexueller oder Schwarzer.

    Dank des Internets hat heute jeder die Möglichkeit, „seine“ Geschichte zu erzählen. Wenn ein Übergewichtiger unzufrieden damit ist, wie „er“ in fremden Geschichten dargestellt wird, kann er seine eigene veröffentlichen. Interessierte können seine Geschichten lesen.

    Als Autor schreibt man niemals für „alle“. Es werden niemals alle Leser ein Buch gut finden. Daran ändert auch sogenanntes „sensitive reading“ nichts.

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