FÜR UNS – „Das Millenial Manifest“ von Bianca Jankovska

Eigentlich müsste ich eifersüchtig sein. Ich meine, da schreibt eine das, was ich auch denke und in meiner eigenen kleinen Bubble verbreite, aber SIE ist es die den Buchvertrag bei Rowohlt bekommt. Sehr überspitzt formuliert. Wenn ich nämlich ehrlich bin, finde ich das total geil. Wenn ich Non-Fiction schreibe, schreibe ich ja auch nur, weil ich gehört werden will. Weil ich eine Stimme haben und mitreden will, weil ich etwas zu sagen habe. In meinen Handynotizen stehen gefühlt 50 Entwürfe für Instagram-Captions, die jetzt fast genau so auch schon im Millenial Manifest stehen. Weißt du eigentlich, wie praktisch das ist? Ich muss das jetzt nicht mehr mühsam aufschreiben, wenn ich wieder einmal allen ins Gesicht schreien möchte, dass sie ihre eigene Misere nicht sehen. Ich kann einfach in einen Buchladen gehen, eine Ausgabe des Millenial Manifests kaufen und sie dieser Person schenken statt lang und breit zum 839.426.229. Mal erklären zu müssen, was ich meine. Weil es mir so tief aus der Seele spricht. Menschen wie Bianca Jankovska sind es, die wir brauchen, damit sich etwas ändert. Menschen, die laut schreien, wenn etwas falsch läuft und nicht müde werden, immer und immer wieder darüber zu reden und die sich eine Plattform dafür suchen, auf der sie auch gehört werden. Menschen, die die Scheiße, in der sie bzw. wir sitzen, auch als solche erkennen und einfach einmal irgendwo anfangen, sich da rauszukämpfen. In dem Fall nämlich bei sich selbst.

Millenial Manifest Rezension
Klappentext on point. Das Millenial Manifest von Bianca Jankovska, erschienen im Rowohlt Verlag /Presselink

Wer sind diese Millenials überhaupt?

„Millenials, das sind die, die zwischen 1985 und 1995 geboren wurden“, erklärt Bianca Jankovska auf Nachfrage bei ihrer Buchpremiere, „so ungefähr halt.“ Sie sagt auch, dass ein Millenial sich selbst wahrscheinlich nicht als Millenial bezeichnen würde, weil ja alle so individuell sein wollen. Das muss man sich jetzt mit dezent ironischem Unterton vorstellen, wie übrigens auch das gesamte Buch, denn anders wären die Absurditäten unserer aktuellen Situation auch gar nicht zu ertragen.

Passenderweise heißt der Prolog „Wie soll ich das alles die nächsten 50 Jahre aushalten?“ Ja, wie? Schritt eins ist, zu erkennen, wie lächerlich wir eigentlich sind in unserem Streben nach Anderssein, Aufmerksamkeit und Anerkennung. Wir müssen das unserer eigenen Generation zeigen, von innen heraus, nicht von außen. Jetzt. Und nicht erst in 50 Jahren, wenn es einfach ist, einen distanzierten Blick auf das alles zu werfen.

Man müsste aber den Eltern noch mehr aufs Dach steigen, das ist schließlich die Generation, die diese Strukturen geschaffen hat, mit denen wir jetzt so zu kämpfen haben, höre ich jemanden über das Millenial Manifest sagen.Ja okay, stimmt schon. Aber bringt uns das jetzt voran, über die Alten zu wettern, während unsere Generation sich selbst weiter den Bach runtertreiben lässt auf ihren aufblasbaren Einhörnern, Fotos davon macht und munter #livingthegoodlifedarunter schreibt? Es bringt überhaupt nichts, anderen die Schuld dafür zu geben, wie wir sind, wenn wir noch gar nicht wahrhaben wollen, dass wir so sind.  

Also ich bin nicht so. (Okay, vielleicht doch.)

Zu sagen, dass eine ganze Generation genau so oder so ist, wäre dabei natürlich falsch. Wir sind ja immer alle in anderen Verhältnissen aufgewachsen oder anders gesagt: wir sind alle individuell. Nur eben auf andere Art, als wir uns das gerne vormachen. Wir sind nicht individuell, weil wir die Standard-Instagram-Filter immer noch einmal selbst nachbearbeiten. Nicht, weil wir ein selbst gemaltes Bullet Journal anlegen (wollen). Und auch nicht, weil wir ein selbst designtes minimalistisches Tattoo auf der Innenseite unseres Oberarms haben. Von einer Avocado. 

Buch Rezension Millenial Manifest Bianca Jankovska
Flamingos, Reisen, Macbook, Minimalismus… Kennste, wa?

Wir sind individuell, weil wir aus unterschiedlichen Orten kommen, weil unsere Familien unterschiedlich hohe Einkommen hatten, weil wir Geschwister haben oder nicht, weil wir gemobbt wurden oder selber mobbten, weil wir bestimmte Arten von Menschen lieben, weil wir auch nur eine Anhäufung aus unterschiedlich zusammengesetzten Voraussetzungen sind.

Eines ist trotzdem sicher: Mit den drei großen Themen, in die das Millenial Manifest gegliedert ist, hast bestimmt auch du zu kämpfen. Die Liebe („Kann das Liebe, oder ist das weg?“), die Arbeitswelt („Willkommen in der Ellbogengesellschaft“), das Leben („Namaste My Ass“) – hier findest du Beispiele dafür, wie das aussehen kann, bei denen du dir wahrscheinlich mehr als nur einmal denken wirst Genau das, genau so geht’s mir auch! Und bei manchen wirst du dich eben nicht wiedererkennen, weil du einfach andere Dinge erlebt hast. Wie soll man auch alle Struggles und Erfahrungen einer gesamten Generation auf knackigen 223 Seiten abbilden? Soll man eben nicht, denn oft reicht es schon, dass da eine Person ist, der es in einer einzigen Situation genauso geht wie dir und die ausspricht, was du dir denkst, aber eben bis jetzt eben nur denkst, weil das sagt man nicht und sonst beschwert sich ja auch niemand. Eine muss schließlich damit anfangen, denn wenn man oft genug Ja, genau so ist es, sie hat Recht, rufen kann,dann traut man sich irgendwann auch mal selbst etwas zu sagen.

Sicher, ich habe auch schon so etwas gehört: Aber was ist mit der Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Sexualität oder Religion? Warum schreibt sie nicht auch darüber?

Ja warum wohl? Weil sie weiß, hetero und das einzige Anzeichen ihres Ausländertums ein Wiener Akzent ist. Du regst dich über Mansplaining auf, aber eine privilegierte weiße hetero Frau soll dir etwas über die Struggles einer lesbischen, alleinerziehenden Mutter, die aus einem Krisengebiet flüchten musste, erzählen? I don’t think so.

Millenial Manifest Rezension
Das ist übrigens Bianca Jankovska bei der Buchpremiere in Berlin. //Foto powered bei schlechter Handykamera

Indem Bianca Jankovska über ihre eigenen Struggles spricht, aus ihrer eigenen Sicht, in ihrer eigenen Wirklichkeit, macht sie tatsächlich etwas sehr Wirkungsvolles: Sie bevormundet nicht. Am allermeisten prangert sie sich selbst an, sie sagt nicht du mach das ab jetzt so, sie sagt ich habe das so gemacht, war scheiße, jetzt mache ich es anders. Es gibt nämlich kein Universalrezept für immerwährendes Glück und Success im Leben, auch wenn einschlägige Insta-Accounts dir etwas anderes Glauben machen wollen.

Was für die eine funktioniert, funktioniert nicht automatisch auch für dich. Du musst schon selbst ein bisschen nachdenken und überlegen, wie du dein Leben leben willst, wo deine Grenzen sind und wie du sie verteidigen kannst, was du erstrebenswert findest und worauf du lieber scheißt. Im Manifest findest du dafür bloß einen millenialpinken Faden der Solidarität, der dich da durchzieht, wenn du ihn lässt.

Shake Baby, shake – Best of Schüttel-Momente

Manchmal schüttelt’s mich bei einigen Kapiteln zuerst vor lauter jahrelang eingehämmerten Das-gehört-sich-nichtsund Das-sagt-man-nichts. Aber nur ganz kurz, dann wird mir nämlich schnell klar, wie dringend ich das eigentlich hören musste. Manches denke ich mir immer noch nur im Stillen, ganz, ganz leise. Und das, obwohl ich mir einbilde, ziemlich wokezu sein. Am öftesten kommt das im zweiten Teil vor, in dem es um die Arbeit geht. Weil es verdammt nochmal nicht leicht ist, die inneren Stimmen verstummen zu lassen, die mir sagen, ich müsse nur recht fleißig sein (okay, Oma), ich müsse etwas machen womit ich richtig viel Geld verdiene (alles klar, Papa), ich müsse das machen, was mir Spaß macht, damit ich meinen Traum leben könne (danke, Mama).

„Für Studentinnen wie mich, die das ganze Studium entmutigt wurden, weil niemand ‚auf uns warten’ würde, schien die lang ersehnte Festanstellung wie der Heilige Gral zu sein. Bis ich selbst dort landete […] Mein Traum, von dem zu leben, was ich liebte, mutierte binnen eines halben Jahres zum Albtraum, in dem ich mich morgens im Spiegel selbst nicht wiedererkannte.“ (S. 89)

Bei anderen Kapiteln schüttelt’s mich dann wieder vor lauter Lachen, weil sie einfach so on point sind. Über die lächerlich wenigen Stunden, die dir bei einer 40-Stunden-Woche übrig bleiben, zum Beispiel:

Während andere beim [Wäsche] Aufhängen entspannen, hätte ich mich manchmal gerne selbst drangehängt.“ (S. 117)

Über Online Dating ganz allgemein:

„Er war aus Brighton und optisch mit dem einstigen Beuteschema von Hugh Hefner zu vergleichen: blond. Dünn. Hübsch. Genauso groß wie ich. Ein Fakt, den sich der Engländer nicht ins Profil geschrieben hatte.“ (S. 18)

Oder über Online Dating nach gescheiterten Beziehungsversuchen:

„Es ist ja nun auch keiner gestorben. Und wie kann die zurückgewonnene Lebensfreude besser zum Ausdruck gebracht werden als mit einem erneuten Anlauf in die Gartenschere? Eben.“ (S. 34)

Und bei einigen Kapiteln schüttelt’s mich, weil ich gar nicht mehr aufhören kann zu nicken, erleichtert darüber, dass ich nicht die einzige bin, die so denkt und nicht die einzige, die sich solche Gedanken darüber macht. In dieser Kategorie mein Spitzenreiter: Die Kapitel über die Liebe. Nein, ich bin verdammt nochmal nicht komisch und unser ganzes Balzverhalten ist wirklich so bescheuert wie ich denke.

„Ich weiß bis heute nicht, was Liebe ist. Ich weiß nur, was sie nicht ist. Nicht kann. Liebe ist nicht dieses beunruhigende Gefühl in der Magen-Darm-Gegend, das automatisch Alarm schlägt, wenn eine Nachricht zu lange auf sich warten und mich wegen dahingesagten Nichtigkeiten grübeln lässt, obwohl ein Treffen abgesprochen war. […] Liebe lässt mich durchschlafen. Liebe ruft mich an.“ (S. 20)

Für mich? Ach, das wäre doch gar nicht nötig gewesen! – Doch.

Also für wen ist das Millenial Manifest jetzt? „Für uns“ steht vorne in der Widmung. Auch für dich, sage ich. Zugegeben: ich habe etwa 95% der Dinge, die darin vorkommen, genau so oder so ähnlich schon einmal erlebt. Aber ich bin mir sicher, wenn du dich auf irgendeine Art und Weise in meiner Bubble befindest – und warum sonst solltest du das hier lesen –, bist du eine Person, die das lesen sollte.

Ansonsten kann ich noch gerne Empfehlungen abgeben, so für einzelne Leute. Zum Beispiel du, der du dich nie meldest, lies mal das Kapitel „Sich rar zu machen ist einfach nur ein saudummer Ratschlag“; Lieblingskollegin, du lies mal „’Wähle einen Beruf, den du liebst und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten’ – was für ein Riesenbullshit“; du Bekannter aus der Schulzeit, der du mir überall folgst, aber zu cool bist, um ein Like da zu lassen, lies mal „Du verkaufst dich total, Liebes“; du, die du ständig absagst, weil dir etwas Wichtigeres dazwischen gekommen ist, lies mal „Platz 1 der größten Enttäuschungen seit dem Maturaball: Geburtstagsfeiern“.

Das Millenial Manifest Rezension Bianca Jankovska
Eignet sich auch gut als Lektüre beim Warten am Flughafen.

Alternativ könnte man auchdas eine oder andere Kapitel über die Lautsprecher jeder Starbucks-Filiale von hier bis Südostasien laufen lassen, angefangen bei „Dein Yoga-Travel-Account ist gar nicht das Problem“. Ansonsten eignet sich das auch ganz gut zum Vorlesen bei ersten Tinder-Dates, als Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche in Firmen, für die du (noch) arbeiten willst, oder auch als Entscheidungshilfe bei der Frage, ob es schlau ist, schon wieder einen Musiker abzuschleppen.

Glaub mir, du brauchst dieses Buch.

Oder hast du es schon? Dann schreib mir hier in den Kommentaren oder auf Instagram, was dein Lieblingskapitel war und/oder wo du am lautesten „JA, GENAU DAS!“ schreien wolltest – das würde mich mal wirklich interessieren!

 

P.S.: Herzlichen Dank an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar!