Stell dir vor, du wärst ganz alleine… oder bist du’s schon? – Die Arbeit der Nacht von Thomas Glavinic

Die Arbeit der Nacht von Thomas Glavinic

Es gibt literarische Werke, in die man nicht zu viel hinein interpretieren sollte. Das Leben der Wünsche zum Beispiel ist ein solches Werk – das muss man nicht verstehen um es zu mögen. Die Arbeit der Nacht ist dagegen ein Buch, das noch lange nachklingt und das man zu verstehen sucht.

Die meisten Leute, mit denen ich über das Buch gesprochen habe, lieben es aufgrund seiner soziologischen Lesart, die sich eben durch das Setting so anbietet. Wie verhält sich ein Mensch, wenn er plötzlich ganz alleine ist, ohne zu wissen, warum? Was tut er? Bricht er in Panik aus? Versucht er herauszufinden, was passiert ist? Und was stellt es mit ihm an, wenn er keine rationale Erklärung finden kann? Keine Naturkatastrophe, kein Massensuizid, kein Angriff auf die Menschheit… Über Nacht sind einfach alle Lebewesen verschwunden.

Wie verhält sich dieser Mensch jetzt?

Erst kann er es nicht glauben, wirklich ganz alleine zu sein und versucht, irgendjemanden zu erreichen, natürlich mit dem Telefon, das nicht funktioniert, über das Internet, was auch nicht funktioniert, dann in ganz Wien, in anderen Städten und über die Staatsgrenzen hinaus, in Deutschland und Ungarn…

Er bleibt alleine. Alleine mit sich selbst und dem Gefühl einer weiteren, bohrenden, jedoch nicht greifbaren Anwesenheit, von der eine große Gefahr auszugehen scheint.

Wie besessen stellt er in ganz Wien Videokameras auf, um etwas Auffälliges zu entdecken, das ihm in irgendeiner Weise Aufschluss darüber geben könnte, warum er alleine ist, oder eben, dass er es doch nicht ist.

Und so beginnt auch die Arbeit der Nacht:

Aus einem Gefühl heraus beschließt er, sich selbst aufzunehmen während er schläft. Dabei entdeckt er genau die Angst davor, nachts in einen Spiegel zu blicken, sich in einem dunklen Flur umzudrehen, oder alleine in den Keller zu gehen. Diese Angst manifestiert sich in dem „Schläfer“. Denn außer sich selbst kann Jonas niemanden auf den Bändern sehen. Und doch ist es nicht er selbst, den er aufnimmt – der Schläfer hat einen ganz anderen Blick, in dem sich Jonas nicht wiedererkennt tut Dinge, an die sich Jonas nicht erinnern kann. Erst scheint er ihn damit nur verspotten zu wollen. Aber nach und nach wird der Schläfer immer dreister, bis er Jonas schließlich an den Rand des Wahnsinns treibt.

Achtung: Lies bitte nur dann weiter, wenn du Die Arbeit der Nacht schon gelesen hast oder es dir nichts ausmacht, das Ende zu erfahren.

Anfangs war auch für mich die soziologische Lesart das Interessante an dem Buch. Ich wusste ja noch nicht, worauf ich mich da eingelassen hatte. Bei genauerem Hinsehen erscheint Die Arbeit der Nacht jedoch wie eine einzige Metapher für Selbstmord als Weg aus der eigenen Einsamkeit. Die Todes-Symbolik wird zwar in den letzten Kapiteln besonders deutlich, aber eigentlich zieht sie sich ohnehin die ganze Zeit durch. Manchmal ganz offensichtlich, wie zum Beispiel auf Jonas’ Ausflug nach Oberösterreich, wo in dem ihm von irgendwoher bekannten Haus ein Strick von der Decke hängt. Subtiler sind dagegen die Stellen, wo Jonas etwas ganz ganz ganz langsam tut, obwohl er davon überzeugt ist, dass man durch solch unerträgliche Langsamkeit sterben kann; und dann, im letzten Moment, wird er doch noch schneller, um die tödliche Langsamkeit zu überwinden.

Von Anfang an ist klar, dass Jonas alleine bleibt.

Und, dass er am Schluss sterben oder zumindest diese Welt verlassen muss, auf der er ganz alleine ist. Die Frage ist also nicht, ob Jonas alleine ist, sondern warum Jonas alleine ist. Wichtig ist das aber auch nur, weil Jonas sich diese Frage selbst stellt. Was ist passiert? Was muss er tun, um Marie wieder zu finden, seine große Liebe?

Im Laufe des Buches wird klar: Er ist nicht mit sich und dem Schläfer allein auf der Welt, weil irgendetwas passiert wäre, sondern weil er es einfach ist. Weil er einfach einsam ist.

Gegen Ende denkt Jonas darüber nach, warum berühmte Personen, die scheinbar alles im Leben haben, Selbstmord begehen. Weil sie einsam sind, ist seine Antwort. Aber viel mehr noch als das: Weil die einzige Person, der sie nahe sein können, nur sie selbst sind:

„Erst später hatte er begriffen, warum sich diese Menschen töteten. Nämlich aus demselben Grund wie die Unberühmten und Armen. Sie konnten sich an sich selbst nicht festhalten. Sie ertrugen es nicht, mit sich allein zu sein, und hatten erkannt, dass das Zusammensein mit anderen das Problem nur leiser drehte, in den Hintergrund rückte, nicht aber löste. Vierundzwanzig Stunden am Tag man selbst zu sein, nie ein anderer, das war in manchen Fällen eine Gnade, in anderen ein Urteil.“ (S. 361)

Sie ertrugen es nicht, mit sich selbst allein zu sein

Im Grunde ist jeder mit sich selbst allein. Du. Ich. Jonas. Und Jonas kann es nicht ertragen, dieses „Urteil“. Deswegen ist er alleine auf der Welt, weil im Grunde jeder alleine ist. Anfangs merkt er es nicht, dann wird es ihm immer mehr und mehr bewusst, bis es schließlich unerträglich wird. Er kommt zur Erkenntnis, dass man nur sich selbst 100% kennen und verstehen kann und niemand anderen. Denn letztendlich kannst du einfach nicht wissen, was in irgendjemand anderem vorgeht. Dementsprechend ist jeder immer mit sich selbst alleine. Wie auch Jonas.

Das alleine ist jedoch kein Grund zu sterben. Was ihn in den Wahnsinn treibt, ist der Schläfer. Der Schläfer ist wiederum ein Teil von Jonas. Und dieser Teil ist starr und entschlossen, das sieht er an seinem Blick. Aber entschlossen, was zu tun? Einerseits scheint es so, als würde er mit Jonas spielen, ihm Angst einjagen und in Gefahr bringen wollen. Andererseits will ihn der Schläfer auch von seiner Mission abbringen, Marie zu finden. Denn erst wenn Jonas sich sicher sein kann, dass es auch Marie nicht mehr gibt, kann er in Ruhe sterben – und mit ihm auch der Schläfer.

Jonas ist selbst der Schläfer und er fürchtet sich vor ihm.

Er fürchtet diese starrende Leere in sich selbst, die als unheilvolle, bedrohliche Gestalt der Nacht in Erscheinung tritt. Zum Schluss begibt sich Jonas in einen unmöglichen Zweikampf mit dem Schläfer, an dessen Ende es keinen Gewinner geben kann. Um sich selbst bzw. diesem unerträglichen Teil seiner selbst zu entkommen, muss er den Schläfer und damit auch sich selbst töten – um nicht ewig von sich selbst verfolgt zu werden, von diesem Teil seines Ichs, über den er absolut keine Kontrolle hat, sondern der zunehmend die Kontrolle über ihn gewinnt. Und als er sich ganz ganz ganz langsam vom Stephansdom stürzt, nimmt er noch einmal das ganze Leben in sich auf und erfüllt sich seinen letzten Wunsch: Im Moment des Sterbens an die Liebe zu denken.

Ja, Die Arbeit der Nacht ist definitiv ein Buch, das noch lange in einem nachklingt.

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