Spieglein, Spieglein in der Hand: Wer hat den Größten im ganzen Land?

Kreuzungen von Marlene Streeruwitz

Man könnte Kreuzungen zehnmal lesen und es gäbe immer noch Symbole, Metaphern und Analogien, die man bis dahin noch nicht entdeckt hat. Jeder Satz hat Bedeutung, auch wenn diese nicht immer offensichtlich ist. Oder gar verständlich. Wie schwierig muss es außerdem sein, dieses Buch zu lesen, wenn man nicht in Österreich aufgewachsen ist? Ich stehe in der Wiener Proleten-Wohnung von Lillis Vater während neben mir die U8 Richtung Alexanderplatz einfährt und ich kann nicht anders, als zu denken: Wie hört sich dieser Wiener Prolet, der seine Tochter so unschön behandelt, wohl im Kopf eines Deutschen an?

Aber Marlene Streeruwitz schreibt nicht für Deutsche. Sie kümmert sich nicht darum, ob ihre Figuren verstanden werden und sie schämt sich nicht für das, was ihre Figuren denken. Oder wie sie denken. Und das ist gut so. Sie schert sich auch nicht darum, ob im Klappentext schon der gesamte Plot verraten wird. Denn darum geht es nicht. (Ich habe mich trotzdem darüber geärgert.)

Wenn im Klappentext bereits der gesamte Plot eines Buches beschrieben ist, dann muss wohl der Weg das Ziel sein. Was aber, wenn der Weg lauter Unebenheiten hat und man gar nicht weiß, wie man bei den vielen Kreuzungen überhaupt zum Ziel kommen soll. Was, wenn dieser Weg nicht wie eine Urlaubsreise ist, sondern lediglich wie die Anreise. Kreuzungen zu lesen fühlt sich in etwa so an – besonders wenn man den Klappentext bereits gelesen hat:

Du stehst am Flughafen in der Schlange und wartest auf’s Check-In, auf den Security Check, auf’s Boarding, den Abflug und schließlich das Ankommen. Du wartest auf diese Notwendigkeiten, die dich an den Beginn deiner eigentlichen Reise führen sollen. Natürlich wartest du nicht einfach nur, das alles passiert ja auch. Und nach wenigen Augenblicken ist es wieder vorbei und du stehst schon wieder Schlange und wartest auf den nächsten Punkt, den es abzuhaken gilt, um endlich deine Reise antreten zu können. Und dann kommt endlich die Landung und es passiert etwas Unerwartetes – wie ein kleiner Triebwerksausfall, 2 Meter über der Landebahn. Macht aber nichts. Ganz knapp entkommst du und freust dich insgeheim über den spannenden Beginn deiner Reise. Und du kommst endlich an deinem Ziel an und freust dich auf dein Abenteuer, nur um herauszufinden, dass es von hier nicht mehr weitergeht. Zuerst denkst du, Scheiße. Das war’s. Keine Reise für mich. Ab mit dir. Zurück in die Realität. Heute gibt es keinen Krimi, keinen Thriller. Aber eine Auflösung, die gibt es. Und dir wird klar: Das war gar nicht der Flug, der am Beginn einer Reise steht. Das war kein Flug vom langweiligen Heimatdorf in einen aufregenden Urlaubsort. Das war vielmehr ein Flug, der dich gerade noch aus einer Krisenregion gerettet hat. Du hast es bis zum Schluss nur nicht bemerkt.

Und worum geht es eigentlich?

Das Chaos, das im Leben des Millionärs namens Max herrscht, ist unbeschreiblich. Für wen verdient er das Geld und warum überhaupt? Wenn Lilli, seine Frau, ihn eh immer nur betrügt. Und seine Kinder gegen ihn aufhetzt. Diese Furie Lilli, die er aus einer Neigung heraus geheiratet hat. Und wer ist Gianni, der Poet, der ihm Scheiße als Kunst verkauft. Literally. Was fängt er an, dieser Wiener mit dem neuen Gebiss? Ja, was ist er denn nun, dieser reiche Mann, der so oft in Inversionskonstruktionen denkt. Ein Schwein mit perversen Vorlieben, nur weil er auf kindliche asiatische Nutten steht? Weil er aus diesem Sex die Balance zwischen dem Vamp Lilli und seinen spielenden, unschuldigen Kindern bildet? Bilden muss… Weil er sich von einem Künstler Scheiße als Kunst verkaufen lässt und trotzdem – oder gerade deshalb – eine Beziehung mit ihm eingeht? Eine platonische Beziehung scheint es zwar zu sein, aber nicht ohne den Wunsch, mehr daraus zu machen. Und ist er pervers, weil er sich eine Frau für Geld kaufen will, nachdem seine eigene ihm so auf den Kopf geschissen hat? Im übertragenen Sinne dieses Mal, aber trotzdem. Pervers würde ich das nicht nennen. Überspitzt vielleicht. Aber nicht pervers. Letztendlich geht es darum, zu überleben. Und das tut nun mal der, der den größten hat. Den größten Kontostand. (Auch, wenn das Geld zu lenken sei wie ein Pferd, das man unter sich spürt und mit der Kraft seiner Schenkel spüren müsse…)

Kreuzungen liest man eben nicht wegen der spannenden Story. Man liest, um sich in den Kopf dieses Mannes hinein zu denken. Vielleicht war dieser Roman wirklich als grausame Kritik an der modernen, geldgesteuerten Gesellschaft gedacht. Vielleicht will einen der Klappentext auch nur auf eine falsche Fährte führen. Man kann nämlich nicht anders als die Entscheidungen dieses Mannes zu verstehen. Insgeheim freut man sich sogar, wenn ihm mal etwas Gutes passiert. Zumindest geht es mir so. Einer Menge deutscher Kritiker scheint es ja anders zu gehen. Am besten, man liest Kreuzungen selbst und entscheidet dann auch selbst worum es geht. Und ob man mal als Österreicher in Wien gelebt haben muss, um den Max zu verstehen.

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