Warum du deinem nächsten Date „Der Club“ zu lesen gibst

Wie zähmt man Monster? Ist Takis Würger Feminist? Und was hat es eigentlich mit diesem Typen auf sich, der mir mein Buch nicht zurückgibt?

Ich will ganz ehrlich sein: Ich las den Klappentext von „Der Club“ und war erst mal skeptisch. All die liebevollen Posts auf Instagram, die dieses Buch in den Himmel lobten, wollten mich nicht so recht überzeugen. Und dann stand ich in meiner alten Buchhandlung, in der eigentlich immer alles begann, was gut war. Ich ging nur rein, weil ich auf jemanden warten musste, ließ meine Finger über den achteckigen Tisch mit den empfohlenen Neuerscheinungen gleiten. Der raue Leineneinband dieses kleinen Büchleins ließ mich innehalten. Da war es wieder, dieses hübsche gestreifte Buch, das mich mit seinem Klappentext nicht begeistern konnte. Ich schlug es auf und las den ersten Absatz.

[…]

 Mittlerweile nehme ich es überall hin mit, um in der wenigen Freizeit, die ich habe, wenigstens ein bisschen lesen zu können. Beim Frühstück, beim Zähneputzen, sogar beim Warten im Dönerladen verliere ich mich in Hans‘ Galaxie.

Den Zettel mit diesen Notizen vom letzten Sommer habe ich beim Aufräumen meines kleinen, überfüllten Schreibtisches gefunden. Damals fehlte mir die Zeit, mehr zu schreiben.

Jetzt hätte ich wieder Zeit (oder so ähnlich). Was ich allerdings nicht mehr habe ist das Buch, denn ich habe es einem Mann zu lesen gegeben, zu dem ich gerade keinen Kontakt mehr habe.

Und weil ich die Umfrage-Funktion von Instagram vielleicht etwas zu sehr liebe, habe ich wieder mal euch gefragt, was ich nun tun soll. Dem Typen schreiben und das Buch zurückholen oder einfach aus dem Gedächtnis schreiben.

Hier das Ergebnis:

Der Club Takis Würger
Ziemlich eindeutig, würde ich sagen.

 

Ihr wollt, dass ich ihm schreibe, um mein Buch zurückzubekommen, obwohl er es wahrscheinlich noch nicht gelesen hat. Gerne erzähle ich euch, warum ich das sicher nicht tun werde.

 

Warum bringe ich überhaupt „Der Club“ zu einem Date mit?

 Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jeder Mann „Der Club“ lesen sollte. Die Tatsache, dass ich ausgerechnet diesem Typen ausgerechnet dieses Buch mitgebracht habe, ist aber kein Zufall. Die Tatsache, dass ich zu ihm keinen Kontakt mehr habe, auch nicht.

Was passiert ist? Wir haben uns in einer Bar gesehen und in einem Café kennengelernt. Die wenigen Treffen, die wir hatten, waren sehr intense, die Anziehung etwas zu stark, die Gespräche etwas zu tief gehend. Zwischen den Verabredungen lagen meist mehrere Wochen, in der ich die Intensität vergessen hatte – umso stärker traf sie mich, wenn wir uns dann doch wieder gesehen haben. Bei einem der Treffen hatten wir sehr viel über Bücher gesprochen, die uns wichtig sind. Beim letzten Mal hatte ich Schussel zwar das Buch zu Hause vergessen, das er mir davor geliehen hatte, dafür aber „Der Club“ mitgebracht.

Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Wir bewegen uns in seinem Tempo, treffen uns, wann es ihm passt. Es gibt keinen Smalltalk, jedes Mal verirrten wir uns fast in unseren Persönlichkeiten, kamen nochmal mit dem Schrecken davon. Würde ich mich jetzt wieder mit ihm treffen, würde mich diese Intensität erneut umhauen, auch wenn ich noch so gut darauf vorbereitet wäre. Dabei habe ich meinen Geist gerade erst aus dem klebrigen Spinnennetz befreit, das seine Gegenwart immer über mich legt.

Aber dazu später mehr. Erst mal zurück zu den Gründen, warum sowieso jeder „Der Club“ lesen sollte und ich es natürlich auch diesem Typen mitgebracht habe.

„Der Club“ ist ein wichtiges Buch. Und Takis Würger Feminist. Vielleicht.

„Der Club“ steht sehr weit oben auf der Liste mit den Büchern, die ich gern gelesen habe. Es ist eines der Bücher, die ich gerne verschenke, die ich mit allen teilen möchte, nicht nur weil die Geschichte gut ist, sondern weil es ein wichtiges Buch ist. In Wirklichkeit ist es nämlich ein durch und durch feministisches Werk für Männer, oder zumindest aus hauptsächlich männlicher Perspektive. Und gerade das macht es so wichtig. Denn zu denken, dass Feminismus nur etwas für Frauen ist, ist einer der größten Kapitalfehler der gesamten feministischen Bewegung. Männer aus dieser Diskussion ausschließen zu wollen, ist schlicht und einfach falsch. Wissen wir ja schon.

Da hast du zum Beispiel eine schöne Seele wie den Hans, unsere geheimnisvolle Hauptfigur in „Der Club“. Dieser Hans kann schon immer mit der typisch weiblichen Sanftheit (ob es so etwas tatsächlich gibt, sei nun einmal dahingestellt) viel mehr anfangen als mit der Verhaltensnorm, die von einem Jungen erwartet wird. Er ist Einzelgänger, Beobachter und in Wirklichkeit wollen alle sein Freund sein, denn der Spruch „In der Ruhe liegt die Kraft“ passt bei Hans wie die Faust aufs Auge. Übrigens ist er auch Boxer, hatte ich das schon erwähnt? Ein feministischer Boxer. Denkt er halt.

Wobei Feminismus an sich natürlich als Begriff irreführend ist und eigentlich durch etwas Besseres ersetzt werden sollte. Mache ich jetzt aber nicht. Der Einfachheit halber. Und vielleicht auch ein bisschen für die Provokation.

Denn würde Takis Würger sich selbst als Feminist bezeichnen? Wahrscheinlich schon, wenn ich so darüber nachdenke. Aber offensichtlich nicht laut genug, dass ich es auch mitbekommen hätte. Wenn es um Takis Würger geht, scheiden sich übrigens sowieso die (Blogger-)Geister. Die einen lieben ihn für seine Social Media Präsenz, vor allem auf Instagram, und dass er so mit seinen Lesern interagiert. Die anderen können ihn nicht leiden, man wisse nicht, ob er sie wirklich gut finde oder nur sein Buch verkaufen wolle, er sei dreist und überhaupt und sowieso. Ich kenne Takis Würger nicht persönlich, aber was ich dreist finde ist, jemanden dafür zu verurteilen, dass er bei der Vermarktung seines Buches unterschiedliche Dinge ausprobiert und den persönlichen Kontakt zu (potentiellen) Lesern sucht. Fan oder Hater, bevor man sein Urteil über ihn fällt, sollte man erst seinen Debütroman gelesen haben. Aber worum geht es dabei eigentlich?

 

Wie man seine Monster zähmt

Hans Stichler soll in Cambridge, wo er dann natürlich auch studieren darf, als Undercover-Ermittler aus der Selbstjustiz seiner Tante heraus ein Verbrechen eines Elite-Clubs aufklären.

Das Konzept von Stärke und Schwäche bzw. Macht und Sanftheit als typisch männliche oder typisch weibliche Attribute wird ständig infrage gestellt. Denn alle Charaktere in „Der Club“, nicht nur Hans, seine Freundin Charlotte und seine Tante Alex, auch Hans‘ Freund Billy, die jungen Männer im Pitt-Club und vor allem Charlottes Vater haben ihre Probleme mit dem Zeigen von Stärke, Macht oder Schwäche. Verletzlichkeit und Sanftheit sind Hindernisse auf dem Weg zu mehr Macht und verwandeln im Grunde gute Seelen in regelrechte Monster, wie wir sie nur allzu gut kennen.

Durch die unterschiedlichen Perspektiven in „Der Club“ werden die Motive dieser Monster etwas verständlicher. In Wirklichkeit sind nämlich die größten Monster die, die sich am meisten fürchten. Davor, nicht gut genug zu sein für die anderen Monster. Davor, unterzugehen zwischen all den anderen Monstern. Und am allermeisten vielleicht sogar davor, mit dem eigenen Monster allein zu sein.

Immerzu laufen mir solche Monster über den Weg. Versteht ihr nicht, worum es geht?, will ich eigentlich ständig schreien.

Stattdessen verschenke ich Bücher wie „Der Club“. Denn nur wer die Motive eines Monsters – egal ob eigenes oder fremdes – versteht, kann es auch zähmen.

 

Was ist Wahrheit? Und wem gehört sie?

„Der Club“ bleibt spannend bis zum Schluss und vielleicht wird das Buch deshalb so oft als Campus-Krimi, Entwicklungsroman, Liebesgeschichte etc. bezeichnet. Aber im Grunde geht es doch um etwas ganz anderes: Es geht um die Wahrheit.

„Die Wahrheit, Bill“, sagte sie, „sind die Geschichten, die wir uns so lange erzählen, bis wir glauben, sie wären Wirklichkeit.“

Das ist das Argument, das jeder Feminist braucht. Immer wenn einer sagt, er hätte eine sexuelle Belästigung ja gar nicht so gemeint, dann sagst du einfach „Die Wahrheit sind die Geschichten, die wir uns so lange erzählen, bis wir glauben, sie wären Wirklichkeit.“

Die Wahrheit ist nämlich auch, dass wir alle unsere eigenen Lügen glauben, vor allem diejenigen von uns, die ihre Monster nicht im Griff haben – und wer hat das schon?

Ironischerweise habe ich mich dabei schon längst selbst belogen und mein Typ sich auch, denke ich. Denn die Wahrheit ist, dass ich mein Exemplar von „Der Club“ jemandem geliehen habe, der sich lautstark Feminist nennt und dann nicht einmal fragt, bevor er mich küsst (dafür aber oft, ob er mich umarmen darf), der von mir ständig hören will, wer er ist, der sich keine Gedanken darüber macht, ob ich nach dem Sex genauso befriedigt bin wie er. Aber Hauptsache er nennt sich Feminist und ist dabei kein komplettes Arschloch, dann wird es schon stimmen, dachte ich. Wäre das jetzt ein literarischer Text, würde ich diesen Typen zu einem miesen Arschloch machen, das würde die bessere Story abgeben. Die Wahrheit ist aber, dass er immer noch ein guter Mann ist, der sich selbst tatsächlich für einen echten Feministen hält und sich meistens auch so verhält. Hat er nochmal Glück gehabt.

Takis Würger Der Club
Lesen im Bett – lieber alleine oder zu zweit?

Und warum hole ich mir das Buch nicht zurück?

Ganz einfach – ich denke nicht, dass er schon dazu gekommen ist, das Buch zu lesen, dieser Halb-Feminist, der sich so lange einredet, dass er einer ist, bis er es selbst glaubt. Ich will aber, dass er es liest, so wie ich will, dass jeder halb-feministische Mann dieses Buch liest. Denn selbst, wenn man „Der Club“ nur als unterhaltsamen Coming-of-Age-College-Krimi mit Liebesgeschichte liest, bleibt hoffentlich etwas von den feministischen Werten hängen, die auf so wunderbar subtile Art vermittelt werden. Verpackt in sehr leichte Kost.

In diesem Sinne soll er es behalten, der Typ. Soll er es lesen oder nicht, soll er sich als Feminist bezeichnen oder nicht, soll er… Ich geh morgen auf jeden Fall ein paar neue Exemplare von „Der Club“ kaufen. Eines für mich. Und den Rest zum Verschenken – an Monsterjäger und die Monster selbst.

Wie ist das mit euch? Welche Bücher gebt ihr euren Dates zu lesen? Schreibt mir gerne wieder auf Instagram und sagt mir, was ihr denkt – Ich habe mich über die vielen Gedanken zu meinem letzten Post sehr gefreut. <3 

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