Im End bist du defekt: So fühlt es sich an, Josephine Frey zu lesen

Der gescheiterte Versuch einer Rezension

Ich sitze hier und will über Im Enddefekt schreiben. Ich kann nur nicht. Es ist, als wären alle meine Worte verschluckt worden von diesem schwarzen Loch, das sich einfach nicht stopfen lässt, das so ganz tief drinnen sitzt in Josephine Freys Texten. Texte sind es und nicht Geschichten, kunstvoll konstruiert mit viel Sprachgefühl und noch mehr Menschengefühl. Dort, wo’s eh schon wehtut, legt sie nicht nur den Finger in die Wunde, sie streut auch nicht bloß Salz rein, nein, sie dämpft ihre Zigarettenstummel darin aus, damit es so richtig brennt. Aber lass es mich so sagen…

Bist du schon mal an einem verregneten Sonntagmorgen in deiner Wohnung gesessen, mit schweren Gliedern, die dich daran hindern, nützlich zu sein?

Bist du schon einmal wachgelegen, weil du von der Liebe träumst, während die Gewohnheit neben dir liegt und schläft?

Bist schon mal absichtlich den Weg des größten Widerstands gegangen, damit es besonders weh tut, weil du ja sonst nichts mehr spürst?

Und weißt du eigentlich, wie es sich anfühlt, jemanden zu lieben, der dich mitreißt, während er in die Tiefe saust?

Wie Im Enddefekt zu lesen. So. So fühlt sich das an.

Im Enddefekt Rezension
Liebevoll gestaltet und erschienen im Unsichtbar Verlag. Es folgt: Der gescheiterte Versuch einer Rezension, unbezahlt & unaufgefordert.

Eine sprachliche Ohrfeige

Die sprachliche Dichte, über die würde ich gerne noch etwas sagen. Aber schon wieder weiß ich nicht, wie ich dir das beschreiben soll, damit du es verstehst. Die Worte finden ihren Weg in deinen Kopf, dein Herz, auch weil sie sich so rhythmisch einprägen, weil sie so schön nachklingen in deinen Ohren, selbst wenn du sie nur leise für dich selbst liest. Wie eine schmerzhafte Ohrfeige fühlt sich diese Sprache an oder wie wenn jemand deinen Kopf im Schraubstockgriff festhält und dich dazu zwingt, in den Spiegel zu schauen. Wie wenn sich jemand mit dir in einem Zimmer einsperrt, in das du eigentlich nicht mehr gehen willst. Wie wenn sie dir alte Fotos vor die Nase hält, die du aus gutem Grund längst weggeräumt hast. „Da, da schau jetzt her!“, ruft sie und fuchtelt dir damit unter der Nase herum.

Und weißt du wie noch? Wie der Moment, nachdem du stundenlang geweint und dich dann endlich wieder beruhigt hast. Dieser nüchterne Rückblick im Angesicht körperlicher und seelischer Erschöpfung, kennst du das?

 

Und was ist das jetzt?

Dabei kann ich dir, dear reader, nicht einmal sagen, worum es bei Im Enddefektgeht, denn es sind „nur“ Fragmente aus dem Leben einer jungen Frau, die sorgsam gewählt sind, anonymisiert und kunstvoll versprachlicht. Ist das Schreiben als Therapie oder sind das Übertreibungen um der Kunst willen? Das musst du selbst entscheiden, aber mach bloß nicht den Fehler, die Autorin mit der Ich-Person zu verwechseln, denn Josephine Frey ist heute wahrscheinlich nicht mehr so wie in den Texten, wenn sie es denn überhaupt jemals war. Wenn du schreibst, vor allem über so persönliche Themen, brauchst du die Distanz, um etwas zu Papier zu bringen, das du veröffentlichst und worunter du dann auch noch deinen Namen setzt.

Und doch bleibt mir nichts anderes übrig, als die Ich-Person Josephine zu nennen, denn einen anderen Namen hat sie nicht bekommen. Übrigens sind die meisten Texte stellenweise so kryptisch und haben so viele Leerstellen, dass das Ganze sowieso stark an reale Erlebnisse angelehnt scheint. (Verzeih, falls ich mich irre.)

 

Liebe Josephine – 3 Geschichten, 3 Briefe

 Eine Rezension zu Im Enddefekt zu schreiben, wäre nicht mein Stil, deswegen bist du auch gar nicht nicht hier. Was du lesen willst, sind meine Geheimnisse, aber dieses Mal kann ich nicht. Zu nah sind mir diese Texte und gleichzeitig zu weit weg. Mit dir kann ich nicht darüber sprechen, heute nicht, aber mit Josephine, das geht. Hier sind drei Briefe an die Ich-Person. Über drei Texte, die mir Wunden ausbrennen, von denen ich schon gar nicht mehr wusste, dass ich sie überhaupt mal hatte. Lies sie jetzt und lies sie vielleicht noch einmal, wenn du die passenden Texte dazu kennst.

 

Tablettenerster (S. 41-47)

Rezension im Enddefekt
„Tablettenerster“ aus Im Enddefekt von Josephine Frey, erschienen im Unsichtbar Verlag.

Liebe Josephine,

dieser Text ist so bezeichnend für sie viele Nächte, so viele Suchen nach Durstlöschern und Sattmachern zwischen Nachtclubs und Kindheitsgärten. Denn „an manchen Orten kann man in Nächten nur seine Haut miteinander vertraut machen“, sagst du und findest dich doch nicht damit ab, sondern wehrst dich noch. Du willst sie fragen „Wann wurdest du das letzte Mal eigentlich von irgendwas wirklich satt?“ und doch fragst du bloß dich selbst (und mich). Ja, wann denn eigentlich? Nicht davon, auf jeden Fall. Nicht vom Haut-vertraut-machen und nicht vom Zigarettenrauch-ins-Neonlicht-blasen, davon bestimmt nicht. Da werden wir beide nur leer davon, Josephine, du am Ende der Story und ich, am Ende des Morgens.

Aber das ist nur so, weil du noch an der Leere hängst, indem du sie zu füllen suchst. Weil du zwar weißt, dass keiner kommt, der mit dir sitzt und fragt und bleibt und du trotzdem darauf hoffst. Weil scheiße nochmal, das kann doch wohl nicht sein, dass das wirklich so ist, dass so oft die Haut das einzige ist, was du vertraut machen kannst. Und außerdem ist das doch gar nicht wahr, Josephine, dass du lieber Liebe als dir Gedanken machst. Und auch wenn du dir eine Nacht lang ein Zuhause aus jemandem baust, der nie daran zweifelt, ob er eins hat, bis du immer noch obdachlos, wenn der Morgen kommt. Und selbst wenn du dann doch mal wen nach seinem Sattsein fragst, wird das deinen eigenen Hunger nicht stillen.

Aber weißt du was? Weil du jetzt weißt, was Hungern heißt, wirst du auch schneller wieder satt.

 

Es grüßt dich aus der Nacht

Eine, die lieber unter freiem Himmel tanzt als Zuhause

 

Lucky Strike (S. 59-67)

Rezension Im Enddefekt Josephine Frey
„Lucky Strike“ aus Im Enddefekt von Josephine Frey, erschienen im Unsichtbar Verlag

Liebe Josephine,

was ist aus euch beiden geworden? Hast du deine Gefühle wieder gefunden oder liegen sie immer noch an einem sicheren Platz? Und liegt sein Gesicht manchmal noch zwischen deinen Händen? Bist du mittlerweile gegangen? Hast du endlich eine neue Anleitung für dein Herz geschrieben?

Ich frage für eine Freundin. Nicht, dass auch ich den Unterschied zwischen Zuneigung und Liebe nicht lernen wollte. Nicht, dass auch ich oft mehr verloren als verliebt wäre. Nicht, dass auch ich am Telefon schweigen würde, weil ich nicht wüsste, wie man „Ich vermisse dich“ ausspricht, ohne wie ein Klischee zu klingen. Aber wenn es so wäre, dann würde ich dir sagen, dass es bei mir anders war. Dass hier zwar niemand verheiratet, aber trotzdem vergeben war. Dass ich noch alles weiß von dem Abend, an dem wir uns kennengelernt haben und trotzdem weiß, was du damit meinst, wenn du sagst: „Keine Ahnung, ob wir uns ähnlich waren oder ob wir nur Ähnlichkeiten aneinander gesucht haben, und vielleicht war unsere einzige Gemeinsamkeit die, dass wir beide auf der Suche nach Gemeinsamkeiten waren.“

Aber eigentlich will ich nur sagen: Die traurigen Männer anzuziehen, fühlt sich immer gleich an. Vor allem, wenn sie gar nicht glauben können, dass du schon ganz andere Dinge getragen hast, unter denen du auch noch lange nicht zusammengebrochen bist. Und weißt du was? Ich finde, es muss uns gar nicht leidtun, wenn wir Zuneigung nicht von Liebe unterscheiden können. Und wenn die Zeit manches falsch zusammenheilt, dann ist das eben Kunst. Josephine, du musst nicht alles erzählen, du darfst müde sein und Weingläser sind immerhin wichtig.

 

Es grüßt dich vom Notausgang

Eine geneigte Liebende

 

 

Nachtnotizen (S. 73-76)

Rezension Im Enddefekt Jospehine Frey
„Nachtnotizen“ aus Im Enddefekt von Josephine Frey. Unsichtbar Verlag. Illustration: Clara Deitmar

Liebe Josephine,

sitzt du nachts in deinem Bett und schreibst wie eine Besessene? Sind das wirklich deine wirren Gedanken aus einer Nacht, die du so schön pointiert in Metaphern gießt, oder war da mal viel mehr? Hast du gelöscht, was weg soll, damit nur mehr das Schöne übrigbleibt, das Melancholische, das Benennbare? Wo ist das ganze Chaos hin, das da eigentlich sein müsste?

Je dichter deine Sprache wird, desto weniger Luft lässt du mir zum Atmen, Josephine. Ich lese deine Nachtnotizen und weiß nicht, wovon du redest, aber zumindest was du meinst. Ich weiß nur nicht mehr, ob ich das alles selber denke oder einem anderen in den Kopf lege oder beides.

 

Es grüßt dich aus dem Bett

Eine wie besessen Schreibende

 

Überhaupt…

 

Ich liebe dieses kleine Büchlein, ich liebe diese Sprachkunst und vor allem wie die Texte klingen, wenn du sie laut vorliest.

 

Und doch… Je länger ich in diesen Texten schwimme, desto mehr bin ich am ertrinken. Es ist gut, dass Im Enddefekt nur so kurz ist, denn länger würde ich das nicht aushalten. Es ist alles so verdichtet, so schmerzhaft, so schonungslos melancholisch und ohne Plot, der zumindest ein bisschen unterhalten würde, dass ich froh bin, wenn ich daraus wieder auftauchen kann. Ich schlage das Buch zu und bin wieder hier, bin wieder die, die unter freiem Himmel tanzen kann, weil sie satt ist und kein Zuhause braucht und freue mich, dass es vorbei ist. Nicht das Lesen, sondern die Melancholie. Been there, done that. Aber jetzt mag ich nicht mehr.

Danke, Josephine, für alles. Es war ein bisschen anstrengend mit dir, aber auch sehr schön. Lass dir ruhig noch etwas Zeit mit deinem nächsten Buch, denn ich habe dieses hier noch nicht verdaut. Und doch werde ich weiter alles verschlingen, was du schreibst, ob es mir guttut oder nicht, deine Worte machen süchtig.

 

Josephine Frey habe ich übrigens auch auf Instagram entdeckt, weil sie so eine schöne Handschrift hat und den gleichen Stift benutzt wie ich.

 

Du hast Redebedarf? Dann hinterlass mir gleich hier einen Kommentar oder schreib mir wieder auf Instagram, wie du es sonst auch so oft tust. Ich freue mich immer, von dir zu hören. <3