„Anna nicht vergessen“ von Arno Geiger – zum Vergessen?

Warum „Anna nicht vergessen“ eigentlich zum Vergessen ist. Und warum du einen Teil davon trotzdem in Erinnerung behalten wirst.

 

„Anna nicht vergessen“ – Ein Roman?

 

Wenn du mich etwas besser kennst, weißt du, dass ich „Alles über Sally“ von Arno Geiger zu einem meiner 5 liebsten Bücher aller Zeiten erkoren habe – bis etwas Besseres daherkommt versteht sich. Ich liebe alles an diesem Buch. Auch „Es geht uns gut“ habe ich gern gelesen, wenn auch zu schnell und ohne mich jetzt noch an viel zu erinnern, denn das war noch für die Uni.

Ich hatte also zugegebenermaßen hohe Erwartungen an „Anna nicht vergessen“. Das Buch hatte ich im Vorbeigehen gekauft, weil Arno Geiger und Bestseller draufstand, ohne einen Blick hinein oder auf den Klappentext zu werfen. Ein Jahr später habe ich es dann endlich zur Hand genommen und zu lesen begonnen. Das erste Kapitel spielt in Wien, heißt „Anna nicht vergessen“ und es ist wirklich sehr gut. Im zweiten Kapitel tauchen plötzlich ganz andere Personen auf, ein gescheiterter Filmemacher, dem irgendwie die Tiefe fehlt, und ich denke mir ah, okay, die werden sich dann bestimmt treffen. Das dritte Kapitel lässt mich stutzen. Plötzlich lamentiert eine ältere Frau über ihren undankbaren Untermieter und ihre arme Katze, dann auch noch in der ersten Person und ich bin vollends verwirrt.

Ich schaue mir jetzt doch den Klappentext an, der übrigens sehr schwammig formuliert ist, und bemerke endlich, dass ich hier keinen Roman, sondern einzelne Erzählungen lese.

Willenskraft ist alles, meine Damen und Herren, und mit ihr kann man anscheinend alles schaffen. Selbst eine Reihe von Kurzgeschichten zu lesen, ohne dabei zu bemerken, dass es sich nicht um einen Roman handelt.

 

Fader Sex und noch fadere Listen

 

Na gut, denke ich, und bringe die nervige Katzenlady hinter mich. Es folgen leider nur noch mehr Kurzgeschichten in unterschiedlich anstrengendem Stil, in denen es auch auf irgendeine Weise immer um Liebe oder zumindest Sex geht. Meistens auf eine fade Weise. Und ja, ich weiß schon, die meisten Menschen haben wohl faden Sex mit irgendwelchen Affären, die sie aus ihrer Jugend kennen (ich seh mich schon in 15 Jahren), mit Arbeitskollegen, für die sie überhaupt nichts empfinden, mit klammernden, überinvolvierten Stalkern oder verhassten Ehepartnern.

Die Fadheit findet ihren Gipfel in der einzigen Erzählung, in der es weder um Sex noch um die Liebe geht.

„Das Gedächtnisprotokoll“ heißt diese und ist eine zwanzigseitige Auflistung von Dingen, die bei einem Brand zerstört wurden. Also genau genommen ist es ein Brief, der diese Auflistung enthält, das heißt es gibt vorne und hinten noch ein paar Einblicke in den fürchterlichen Charakter der Person, die den Brief verfasst hat. Und ja, gut, ein bisschen Gesellschaftskritik soll dabei natürlich mitschwingen. Aber das macht es auch nicht wirklich besser. Eher schlimmer.

Eine Geschichte heißt „Abschied von Berlin“ und klingt vielversprechend. Dabei ist auch diese Story mehr als fad: Ein gescheiterter Wiener, der in Berlin gerne Filmemacher geworden wäre, steht im Badezimmer einer Kellnerin und tischt einem Handwerker Lügen auf. Über ein Leben, das er zwar nicht führt, aber das im Grunde genommen genau so fad ist wie sein eigenes. Es ist nicht traurig, es ist nicht lustig, es ist einfach nur zum Einschlafen.

 

Feindesland – Abbild meiner gescheiterten Beziehung

 

Ein, zwei Highlights gibt es dann doch, die mir sehr gefallen. Das sind eher die kürzeren Texte, die nur einen ganz kleinen Ausschnitt zeigen. „Feindesland“, zum Beispiel.

Diese gerade mal zehn Seiten lange Geschichte macht, dass sich mein Atem in der Kehle zusammenpresst, dass es mir die Sprache verschlägt.

Sie ist im Grunde harmlos, für dich ist sie vielleicht nicht einmal etwas Besonderes. Ich für meinen Teil, ich spüre förmlich wie sich die Abneigung dieses Mannes gegen seine Frau in meinem ganzen Körper ausbreitet. Ihre kontinuierliche Berührung, die liebevoll gemeint ist, ihm aber nur den körperlichen Widerwillen in die Knochen treibt. Wie sie versucht, zu ihm durchzudringen, wie er versöhnlich sein will, nur eben ohne jetzt gerade berührt werden zu wollen. Von ihr, von seiner Frau, die nicht versteht, dass er einfach nur kurz seine Ruhe bräuchte. Kein Ablenken hilft, sie besteht darauf, bohrt immer weiter in diese von all der Berührung wundgeriebene Stelle. Es eskaliert in einem Streit und er fährt einfach weg, sie fährt ihm hinterher, lässt das schlafende Kind alleine zurück. Im Büro legt er sich auf eine Couch und lässt den Redeschwall an Vorwürfen und Anschuldigungen, den seine Frau auf ihn loslässt, schweigend über sich ergehen, bis er einfach einschläft. Auf der Couch im Bürogebäude, während seine Frau immer noch aufgebracht über ihn wettert.

Ich lese diese Geschichte und sehe einen Mann an der Tastatur, der gerade einen Streit mit seiner Frau hinter sich hat, der sich vorstellt, wie er statt ins Bett zu gehen, einfach ins Büro fährt und sich dort auf die Couch legt, es aber nicht tut. Er schreibt die Geschichte und dann legt er sich zu seiner Frau ins Schlafzimmer, mit der er sich davor vielleicht versöhnt hat oder vielleicht auch nicht.

Ich sehe außerdem mich. Ich sehe mich so, wie ich früher war, in der Frau, die ihrem Mann nahe sein will, die versucht, sich gewaltsam Zugang zu seiner Zuneigung zu verschaffen, die nicht versteht, dass man manchmal einfach nur seine Ruhe und schweigen will. Und plötzlich schweige ich selbst die ganze Zeit. Ich denke greif mich nicht an und lass mich in Ruhe und bitte geh doch einfach, damit ich endlich alleine sein kann. Manchmal sage ich das auch und plötzlich muss ich das gar nicht mehr, denn dann gibt’s nur noch mich. Wenigstens hatten wir keine Kinder.

 

Meine Lieblinge aus „Anna nicht vergessen“

 Damit du dich nicht durch alle Geschichten quälen musst, sage ich dir, welche mir am besten gefallen haben – die anderen kannst du dir aus meiner Sicht sparen, aber der Vollständ

 

Anna nicht vergessen.

Es geht um eine alleinerziehende Mutter, der die Connection zu ihrer kleinen Tochter Anna fehlt, und hauptberuflich die Männer misstrauischer Ehefrauen verführt. Diese etwa dreißigseitige Erzählung ist der perfekte Beginn für einen Roman: Sie ist spannend, ich erfahre die Essenz der einzelnen Charaktere, die ungewöhnlich sind, ich will weiterlesen. Und dann ist es aus. Das finde ich blöd, ich hätte gerne mehr davon gelesen. (Lieber Arno – ich darf doch du sagen, wo du mich ja so gut zu kennen scheinst? – bitte mach daraus einen Roman!)

 

Also, das wär’s so ziemlich.

Eine wunderbar stockend erzählte Zeitreise. Wir lesen Aufzeichnungen von Tonbändern aus den Siebzigern, die eine Frau an ihren Liebhaber schickt, mit dem sie eine ungewollte Fernbeziehung führt. Und noch so viel mehr steckt dahinter.

Anna nicht vergessen Arno Geiger
„Also, das wär’s dann so ziemlich“

 

Neuigkeiten aus Hokkaido.

Ein sechsseitiger Blick durchs Schlüsselloch. Es passiert nichts, außer dass eine Japanerin jemandem einen Brief schickt, der auch bunt zusammengewürfelte Zeitungsausschnitte aus Hokkaido enthält. Und dabei passiert so viel, ohne dass wir wissen, was genau. Ein voyeuristisches Kurzvergnügen.

 

Feindesland.

Obviously. Siehe oben.

 

Das letzte Wort

Eines muss man ihm lassen, dem Arno Geiger. Er versteht seine Handwerkskunst, jede Geschichte aus „Anna nicht vergessen“ liest sich wie eine gelungene Schreibübung. Die Situationen und Charaktere übernehmen die Oberhand, bis von der eigenen Schreibstimme des Autors nichts mehr übrig ist. Aber dadurch fehlt dem Ganzen auch das Feuer.

 

Schade, denke ich und stelle „Anna nicht vergessen“ zurück ins Regal, wohlwissend, dass ich es schon bald vergessen haben werde.

 

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