Das Ende von Mareike Fallwickls ‚Dunkelgrün fast schwarz‘

Ich lese und höre von so vielen Seiten das Ende, das Ende, ich bin mit dem Ende unzufrieden, wir müssen über das Ende reden. Natürlich erwarte ich dann etwas Unerwartetes, etwas völlig Bizarres oder Groteskes, einen lauten Knall, etwas, das mich komplett aus der Fassung bringt, so à la Der Club, du weißt schon. Aber dann kommt das Ende und es ist… nicht direkt vorhersehbar, das will ich gar nicht sagen, denn das klingt so negativ. Und doch: Es überrascht mich nicht, denn es ist das einzig vorstellbare Ende.

— Ich werde dir nichts erzählen über den Inhalt, den Plot, oder worum es geht. Ich finde, selbst der Klappentext verrät schon zu viel, ich hätte das lieber nicht gewusst beim Lesen. Ich versuche, dir nichts zu verraten und trotzdem das Ende zu erklären. —

Um das Ende zu verstehen, musst du ganz an den Anfang gehen.

Und mein ganz persönlicher Anfang mit Dunkelgrün fast schwarz sieht so aus:

Eine brennende, mit viel Herzblut geschriebene Empfehlung von Flo (@literarischernerd, eh schon wissen, du kennst ihn bestimmt), die mich zu einem Spontanbesuch bei Mareike Fallwickls Buchpremiere im Ocelot gebracht hat. Von dem Moment an, als ich durch die Tür trat, durchnässt und ein wenig zu spät, weil der Schnee die Berliner Öffis überforderte, war ich gefangen im Netz. Im dunkelgrün-schwarzen Strudel, in dem festen Band, dem „fatalen Dreieck“ zwischen Raffael, Moritz und Johanna.

Dunkelgrün fast schwarz Mareike Fallwickl

Die Figuren wissen selbst besser, wer sie sind: Mareike, bitte, ich seh das halt so.

Mareike sitzt vorne und erklärt, wie sie überhaupt zu der Idee für das Buch kam. Am Anfang war ein kleiner Bub auf einem Spielplatz. Ein böser. Er tritt seinen Babybruder und sieht Mareike dabei mit einem diabolischen Lächeln an. Ob es so etwas geben kann, wie böse Kinder, fragt sie sich. Hat man als Elternteil überhaupt genug Zeit, einem Kind beizubringen, nicht böse zu sein?

Um dieses Dilemma spinnt Mareike ihre Geschichte, Raffael ist der Spielplatz-Treter. Plötzlich kommen auch die anderen Figuren und stellen sich bei ihr vor. Da sitzen sie nun, Moritz, Johanna und Marie und sagen der Autorin, wer sie sind. Wie sie sind. Wie sie handeln und wie sie die Dinge sehen.

Mareike soll die Synästhesie erklären (Moritz sieht Menschen in pulsierende Farben gehüllt, nimmt Geschmäcker und Gerüche wahr, er sagt, er sieht mehr), dabei gibt es da gar nicht viel zu erklären:

„Ich hab angefangen, Moritz zu schreiben und dann kamen immer diese Farben! Ich hab mir gedacht what the fuck, total nervig, was soll das? Und ich hab das immer rausgelöscht, aber das kam immer wieder. Da hat Moritz gesagt Mareike, bitte, ich seh das halt so.

Also gibt sie nach, wie man es auch tun muss, wenn man eine Figur erschaffen hat, die funktioniert.

Dann kommen natürlich auch noch die anderen Figuren hinzu und haben ihren eigenen Kopf: Johanna, die komplett Gestörte (Mareikes Worte, nicht meine), Raffael und Marie. Auch auf die Frage, warum Marie als einzige in der ersten Person geschrieben ist, hat die Autorin keine Antwort. Sie habe sich halt einfach so bei ihr vorgestellt, die Marie.

Wenn keiner aus der Rolle fallen soll…

Und genau das ist der Punkt, warum das Buch so endet, wie es endet. Weil dieses Ende das einzig logische für die vier ist. Es ist das einzige, was passieren kann, wenn das Ende aus den Figuren heraus kommen soll. Nur ein großer Einschnitt von außen hätte ein anderes Ende hervorbringen können. Ein Autounfall vielleicht oder ein Terroranschlag. Aber wo wäre dann die Befriedigung geblieben, alle Fragmente, die wir im Laufe des Buches hingeworfen bekamen, am Ende zu einem sinnvollen Mosaik zusammensetzen zu können?

Wenn du siebzehn bist, weißt du manchmal mehr als später mit fünfzig, und doch nützt dieses Wissen dir nichts, weil dir der Rahmen fehlt, weil du es nicht einspannen kannst in den Kontext der Erfahrung. (S. 180)

Ich glaube, viele Leser haben sich ein qualvolles Ende für Raffael gewünscht, hätten ihn gerne richtig leiden gesehen, hätten sich gewünscht, dass ihn jemand verletzt und bestraft, am liebsten körperlich.

Dabei ist er doch schon gestraft genug. Von Anfang an ist er der, dem etwas fehlt und das sagt er auch selbst. Er testet seine Grenzen, erst bei seiner Mutter und später bei Moritz, aber auch bei Marie, dann bei Johanna und er geht immer weiter. Weil das Nichtstun, das Zuwenigtun, die vielen Leerstellen, wo man – man, das heißt vor allem seine eigene Mutter und Marie – handeln hätte können… Diese Untätigkeit, dieses Schweigen macht ihn zu dem, was er ist. Deswegen fängt das Ganze erst an, weil er die Aufmerksamkeit braucht. Doch dann treibt er das alles ins Groteske. Raffael ist noch mehr als die anderen ein Gefangener seiner selbst. Eben so wie er die anderen in sein Netz einspinnt, ist er selbst schon längst darin gefangen und kommt nicht mehr heraus.

Raffael ist kein Monster. Also schon. Aber zumindest eines, das sich nach Nähe sehnt, das versucht, ein Loch auszufüllen und die Distanz zu überbrücken, die es von allen anderen Menschen trennt. Und doch sind seine mit Johannes Fäden untrennbar miteinander verwoben. Johanna, die Gestörte, würde Raffael, dem Monster, niemals ein Messer in den Rücken rammen und schon gar nicht in die Brust. Sie wird bei Raffael bleiben, solange sie glaubt, dass da noch etwas ist, etwas Echtes, Tiefes.

„Ist der Typ denn zu so etwas überhaupt im Stande?“, unterbricht mich jemand.

Ja, ist er. Auch das ist der Punkt. Wäre er das nämlich nicht, wäre er erst gar nicht so geworden, wie er ist. Und auch, wenn du beim Lesen vielleicht damit beschäftigt bist, ihn zu hassen, darfst du nicht vergessen, dass auch diese Empfindsamkeit immer wieder zum Vorschein kommt. Wenn er zum Beispiel Johanna Hinweise gibt auf seinen Aufenthaltsort, damit sie ihn findet und als er Moritz erzählt, wie sehr er ihn immer um Marie beneidet hat und bei der Szene mit dem alten Familienfoto und… so weiter.

Freundschaft ist ein Gift, das langsam wirkt. Es ist nicht tödlich, aber es macht weich. Freundschaft knackt dich, bricht dich auf, Freundschaft macht, dass die Schreie, die du auf der Innenseite deiner Haut tätowiert hast, hörbar werden. Und wenn Freundschaft dich erst einmal aufgerissen hat, gehst du nicht mehr zu. (S. 55)

Raffael knackt einen Menschen nach dem anderen, bricht sie alle auf, ohne selbst dazu imstande zu sein, sich selbst knacken zu lassen. Moritz, der so viel sieht und doch die Augen vor allem verschließt, hat Raffael genauso wie Johanna immer noch in seinem System, wie ein Virus hat er sich da eingenistet unter dem Deckmantel der Freundschaft. Der einzige Unterschied ist, dass Johanna sehr genau weiß, was passiert, während Moritz Raffael gerade erst zu sehen beginnt.

Am Ende des Endes…

Das Ende von Moritz, Johanna und Raffael verrate ich dir nicht. Das musst du schon selbst lesen. Aber du kannst mir glauben, dass es genau so ist, wie es sein muss, dass es nur genau so enden kann.

Und dann, wenn du auch das allerletzte Kapitel hinter dir hast, das sich liest wie ein Epilog, dann nimm dir Zeit, setz dich hin und lass es auf dich wirken. Und bitte, schau dir auch dein Schweigen an. Denn…

Das, was wir nicht sagen, kann uns gefährlicher werden als alles andere. (S. 306)

 

  

Du hast Redebedarf? Hinterlass mir ein Kommentar hier unten oder schreib mir einfach wieder über Instagram. <3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.