Mein Name sei…

Wer bin ich?

Ich stelle mir vor: Ich lebe von Buch zu Buch. Nein, von Geschichte zu Geschichte. Mal bin ich Enderlin, mal Svoboda, mal Gantenbein. Aber meistens bin ich Lila.

Immer höre und lese ich, in ‚Mein Name sei Gantenbein‘ ginge es um den Mann, der seiner Frau vorspielt er wäre blind. Um die ewige Identitätssuche des Autors Max Frisch. Dabei ist Lila die einzige Konstante in dieser Geschichte. Sie ist die Person, um die sich alles dreht. Auch, wenn wir sie nur durch die Augen ihrer männlichen Beobachter kennenlernen. Wir wissen nicht, was sie denkt oder wie sie sich fühlt, wenn sie es nicht selbst sagt. Und das, was sie sagt, ist ja auch nicht immer das, was sie denkt, wie das nun mal so ist – nicht bei uns Frauen, aber bei uns Menschen, allgemein. Wir wissen, wie Lila reagiert, reagieren muss in den unterschiedlichsten Situationen. Aber ihr Inneres kennen wir nicht – außer durch uns selbst. Wir wissen nur, was in Gantenbein und den anderen vorgeht. Wie sie sich fühlen, was sie denken, wie sie sich benehmen, wenn niemand hinsieht.

Das ist übrigens der Grund, warum Max Frisch einer meiner Lieblingsautoren ist. Er beschreibt gnadenlos ehrlich Gedanken, von denen man nie zugeben würde, sie zu haben. Und Dinge, die man nur tut, wenn man sich ganz sicher ist, dass niemand zusieht. Er gibt sich selbst völlig preis. Das kann richtig ungewohnt, sogar unangenehm werden für uns, wenn wir daran nicht gewöhnt sind. Geschichten sind Geschichten und oft haben die nicht viel mit realen Menschen zu tun, auch wenn wir uns mit den Figuren identifizieren können. Frischs Figuren und Beziehungen dagegen sind durch und durch real.

Wer ist Lila? Lila ist wir alle. Und wer ist Gantenbein? Auch wir alle. Und Svoboda? Und Enderlin? Und wer ist eigentlich der Erzähler? Ich stelle mir vor: Max Frisch als Lila. Max Frisch als Künstler, der es nicht ertragen kann, eingeschränkt zu werden und der gern bewundert wird. Jemand, der sich wohlfühlt in seiner Rolle als organisiertes Familienoberhaupt, das nicht merkt, wie ihm andere dabei helfen, das Gesicht zu wahren – oder zumindest so tut, als bliebe es unbemerkt.

Aber darum geht es nicht. Mit wem sich Max Frisch identifiziert. Ein bisschen was vom Autor steckt immer in allen Figuren. Sonst könnte er sie nicht so eindringlich beschreiben.

Lila und ihr Mann können glücklich verliebt sein und sich trotzdem nicht treu bleiben. Beide wissen es, beide tun es, aber so lange sie nicht wissen, dass der andere Bescheid weiß, bleibt alles im Gleichgewicht. Es ist keine Liebesgeschichte wie jede andere, mit großen Taten und einem großen Happy End oder einem bösen Ende oder gar keinem Ende. Es ist ein Liebesgeschichte, wie sie tatsächlich passieren kann. Es ist Lila, die schöne, selbstständige Schauspielerin, die geliebt werden will, aber gleichzeitig die Verantwortung über sich selbst nicht verlieren kann. Stellt ihr Mann sie vor die Entscheidung, mit wem sie leben will, kann sie das nicht und lebt lieber alleine. Lässt er ihr die Freiheit und tut so, als wüsste er nichts, bleibt sie von sich aus bei ihm weil sie glücklich ist. Nur… warum fasziniert uns dann eine Geschichte, obwohl sie so real ist? Weil es um Gefühle und Situationen geht, über die niemand (mehr) redet – oder schreibt. Es geht immer nur um Selbstinszenierung – ich sage das ganz ohne unsere Medienkultur zu verurteilen, ich bin ja selbst teil davon und es wäre nur lächerlich, das nicht zuzugeben (jeder Hipster darf sich an dieser Stelle gerne angesprochen fühlen). Wir wissen so viele Details über unsere Freunde und wie wir gerne hätten, dass sie uns sehen. Aber machen wir uns auch wirklich Gedanken um unsere Beziehungen? Klar – wir wissen, was wir erwarten oder nicht erwarten und wie wir auf bestimmte Dinge reagieren sollten. Dabei können wir aus einem Katalog an Filmen, Büchern, TV Serien, Zeitschriften und was uns sonst noch so umgibt unser Handlungsmuster wählen. Wir hören kaum auf uns selbst und lassen uns ständig von gesellschaftlichen Normen beeinflussen (auch dann, wenn wir gegen sie kämpfen).

Müssen wir uns erst blind stellen, damit wir in Ruhe tun können, wonach uns ist? Damit wir mal keine Meinung haben müssen, mal nicht auf etwas reagieren müssen, das uns eigentlich eifersüchtig oder wütend machen müsste?

Ich stelle mir vor: Wie Lila. Lila kann auch nicht wegsehen, Lila muss reagieren. Ich will nicht mehr Lila sein. Ich will nicht mehr zu allem eine Meinung haben. Ab heute bin ich blind.

Und mein Name sei Gantenbein.

 

Ein Gedanke zu „Mein Name sei…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.